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sh:z vom 06.02.2010


Von Andrea Paluch

Einen Nachtspaziergang habe ich schon lange nicht mehr gemacht. Früher war das normal. Es gehörte zum Leben wie Popmusik und Tanzen. Als die Kinder geboren wurden und noch so klein waren, dass sie manchmal schrieen und unsere Wohnung nur Leichtbauwände hatte und am nächsten Tag Klausuren und Prüfungen ein halbwegs ausgeschlafenen Gehirn erforderten, da wechselten wir uns ab und schoben mit dem Kinderwagen um die Alster, nachts, in einer Stadt, die nie schläft und nie dunkel ist, die Lichter der Laternen und Hochhäuser auf dem Wasser wie in der Disco, in die man nun nicht mehr ging. Aber mit dem Älterwerden der Kinder gingen mir die Nachtspaziergänge irgendwie verloren. Die Tage waren voll und wenn wir am Abend noch Kraft hatten, setzten wir uns zusammen und diskutierten Handlungsstränge des neuen Romans oder korrigierten Druckfahnen. Neulich aber gingen wir einfach in die Nacht. Die Kinder schliefen. Würden sie wach werden, wären sie alt genug, nicht in Panik zu verfallen. Wir wanderten aus dem Dorf, eine kalte, klare Nacht, mit knirschenden Pfützen, weil schon ein dünner Eisfirn sie überzogen hatte - und Dunkelheit. Richtige Dunkelheit, wie ich sie schon lange nicht mehr gesehen hatte. Wir hielten uns an den Händen. Als sie zu kalt wurden, steckten wir sie in seine Manteltasche. Dann redeten wir. „Wusstest du, dass Piraten ihre Augenklappen nicht hatten, um ihr ausgeschossenes Auge zu verbergen, sondern damit das abgedeckte Auge an die Dunkelheit unter Deck gewöhnt war?“, fragte er. „Wer sagt das denn?“ Er nannte einen Kindernamen. „Haben sie angeblich im Fernsehen gesagt.“ „So, na dann muss es wohl stimmen, oder?“ Wir gingen ein Stück und versuchten, unsere Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen, Freibeuter der Nacht. Ich stellte mir vor, wie dunkel es wohl auf dem Meer ist. Wahrscheinlich gar nicht dunkel, jedenfalls nicht auf den Piratenmeeren. Da prangen die Sterne, man segelt unter dem Kreuz des Südens und der Mond legt eine Bahn aus geraubtem Lichtgold auf das Wasser. Jedenfalls waren meine Nächte im Süden so. Auf den Nordmeeren muss es anders gewesen sein, bei Störtebeker oder Erik dem Roten, aber haben die Augenklappen getragen? Aus der Ferne – einer Ferne, die man schwer schätzen konnte – blinkten jetzt die roten Signalleuchten von Windrädern. „Klingt so, als müsstest du darüber mal eine Kolumne schreiben“, sagte er. Schon klar, immer wenn es um Piraten, Mord und Totschlag geht, rät er mir, darüber mal eine Kolumne zu schreiben. Wenn es nach ihm ginge, wären Kolumnen reine Abenteuergeschichten. Aber diesmal hatte er vielleicht nicht ganz Unrecht. „Über Augenklappen?“, fragte ich. „Über die Dunkelheit“, sagte er. Ich überlegte. Ich jonglierte mit den roten Blinklichtern am Horizont. Die Dunkelheit, gibt es sie denn heute noch? Sollte ich nicht besser darüber schreiben, was man heute Lichtverschmutzung nennt? Welch ein Wort! Ein Wort, der alles auf den Kopf stellt, das Positive und Gute, die Metapher für Gott und Hoffnung – als Schmutz. Aber es stimmt doch. Die Dunkelheit ist uns verloren gegangen und wenn man vom Mond auf die Erde schaut, ist das Licht der Fieberausschlag der Zivilisation. Aber hat diese Nacht solche Gedanken verdient? Und geht man so mit den Wünschen eines Mannes um, mit dem man Hand in Hand in der Manteltasche durch die Nacht wandert, während die Kinder schlafen? Also über die Dunkelheit. Die Lichtverschmutzung kommt später, wenn überhaupt.