Textversion

Suchen nach:

Allgemein:

Startseite

sh:z vom 17.01.2009


Von Andrea Paluch

Muss man die Vergangenheit verstehen, um die Gegenwart zu erkennen? Ich weiß es nicht. Es schadet sicher nichts, aber es geht auch ohne, hätte ich vermutlich bis vor wenigen Tagen geantwortet. Und all die Geschichten, die römischen, griechischen, germanischen Heldensagen, die Räuberpistolen aus dem Sherwood-Forest, von Seeräubernestern und Freibeutern, die jemand, den ich so gut kenne, dass ich vielleicht behaupten darf er sei ein zu spät Geborener (nicht nur ein 10 Jahre zu spät geborener, sondern 1000 Jahre) meinen Kindern auftischt seitdem sie hören können, ich hielt sie bestenfalls für unterhaltsam, schlimmstenfalls für unpädagogisch. Denn all zu früher Filmkonsum von Piratenstreifen und Mittelaltergemetzeln ging mit der bildungsbürgerlichen Haltung Hand in Hand.
Und dann wurde vor Somalia der Ölfrachter Sirius Star gekapert mit einem Beutewert von 70 Millionen, beriet das Bundeskabinett über die Entsendung der Marine gegen Piraterie und schnappte die Jonny-Depp-geschulte Bande um mich herum Stichworte wie „entern“, „feilschen“, „Südsee“ auf. Und gab ihr Wissen Preis. Nicht nur filmische Details, wie die, dass auch „Fluch der Karibik“ damit beginnt, dass der Pirat auf einem viel zu kleinen Boot übers Meer schaukelt und die somalischen Freibeuter mit ihren Schlauchbooten das ja auch täten, auch Grundsätzliches, etwa dass in den Geschichten, die sie kennen würden, die Piraten ja eigentlich immer die Guten sind und die Bösen eigentlich die Herrschenden, Commodore Norrington in Fluch der Karibik, Prinz John bei Robin Hood, der Spanische König Philipp II bei Francis Drake.
„Wem gehörte eigentlich der Tanker?“, wollte jemand wissen.
„Den saudischen Ölscheichs“, sagte ich.
„Sind die gut?“, fragten sie.
„Vor allen Dingen sind sie reich“, sagte ich und überlegte, wie weit ich Unrecht würde rechtfertigen dürfen, ohne meine Kinder auf die schiefe Bahn zu bringen.
Einer von ihnen wusste aus einem Zeitreise-Kinder-Schmöker, dass die Kaperfahrt, die Francis Drake 1579 durchführte, ihm einen umgerechneten Gegenwert von 100 Millionen Euro einbrachte, die zwischen den Anteilseignern seiner Kaperfahrt aufgeteilt wurden, von denen die englische Königin die größte war.
„Anteilseiger?“, jetzt war ich es, die fragte.
„Ja, die haben Aktien an den Piratenschiffen gekauft. Und die Königin hat ihm einen Freibrief gegeben, dass er in ihrem Namen plündert“, wurde ich aufgeklärt. „Nur durften sie keine englischen Schiffe angreifen.“
„Waren Wikinger eigentlich auch Piraten?“, wollte jemand wissen.
„Natürlich!“, waren sich alle einig.
„Und heute fahren wir nach Haitabu und finden das toll.“ Klar, die Beutezüge der Wikinger haben ja auch zur Ausbreitung und Besiedelung geführt. Island, Grönland, die Normandie, schließlich England. Und England, war es nicht durch die Beutezüge seiner Piraten zur Großmacht aufgestiegen? Waren also Piraterie und Entwicklung, Beutezug und Wohlstand, Raub und Reichtum nur zwei Seiten der gleichen Medaille? Machte nur die Perspektive den Unterschied? Waren Freibeutertum und Handel kein Gegensatz, sondern das gleiche? Nur mit anderen Vorzeichen?
„Meinst du in 500 Jahren gibt es in Somalia ein Piratenmuseum?“ Die Frage blieb unbeantwortet im Raum.