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sh:z vom 08.05.2010


Von Andrea Paluch

Ein Leben ändert sich und entwirft sich neu. Und ich frage mich, woran sich das festmacht. Und wenn ich zurückblicke, dann ist das Symbol für Veränderung der Umzug. Ich meine nicht den Möbelwagen, noch nicht mal die Stadt oder den Ort, an dem ich lebte, obwohl auch die Landschaft und der Menschenschlag einen prägen. Aber ganz direkt meine ich die „eigenen vier Wände“. Erwachsensein, das war der Auszug aus der elterlichen Wohnung, festgemacht an der Verantwortung für das eigene WG-Zimmer, dann später das einander versprochene Leben zu zweit – und ein Zimmer reichte nicht mehr, die erste Wohnung, neue Wände, ein breiteres Bett, Fußballschuhe vor der Dusche und jemand, der sein Fahrrad ins Wohnzimmer stellte, dafür hohe Decken; dann die Kinder, kurz vor der Geburt das Aufstellen von Kinderbettchen und die Wände blau gestrichen. Doch die Stadt wurde zu teuer und dass wir eine Familie waren machte sich schließlich an einem kleinen Haus fest, in das wir flüchteten. Das erste Sofa, auf das der Fußballspieler mit dem Säugling auswich, wenn ich endlich einmal schlafen und nicht stillen wollte. Dann endlich der Befreiungsschlag, der große Garten, das große, alte, wunderschöne Haus auf dem Land, für das ich das Wort Heimat benutzen würde. Komisch, wie man Beziehungen zu Gebäuden entwickeln kann. Und diese Beziehung basiert auf dem Vorleben des Hauses. Das ist der Vorteil bei einem Altbau. Er spricht zu einem, er erzählt seine eigene Geschichte. Mein altes Haus war vor mir Landvilla, Flüchtlingsunterkunft, Zahnarztpraxis, und durch mich Literatur- und Kinderheimat. Es hat mich geprägt, aber ein bisschen ich es auch, die Wände eingerissen, den Dachboden bewohnbar gemacht. Und jetzt trenne ich mich von ihm, wir ziehen aus und verkaufen es und bald wird jemand anderes sich von den vertrauten Wänden ein Stück weit in eine Fremde ziehen lassen. Jemand, der wie ich Geschichten wittert.

Mein Haus, groß und weiß und hundert Jahre alt, jetzt aber modern und fit für die nächsten 100, war Glück für die Kinderjahre und für die Bücher, die geschrieben werden wollten. Und falls jemals jemand nach meinem Tod, wenn ich berühmt geworden sein werde, meine Bücher mit meinem Leben vergleicht, dann wird er dieses Haus in meinen Romanen finden, seine Bäume, die Wärme der Fliesen, die Rauheit des Holzfußbodens unter den nackten Füßen. Die Beziehung zu meinem Haus, sie war treu. Es hielt, was es versprach. Und nun hat sich mein Leben so verändert, dass ein neues Versprechen entsteht und ich die Treue aufkündige. Komisch, wie schwer es sich anfühlt, sich von ihm zu trennen. Fast, als würde man einen Freund verlassen. Aber das geht ja eigentlich niemanden etwas an. Offenbar besteht der Wert von Häusern nicht allein in Steinen, Mörtel, Fußbodenheizung oder Solaranlage, sondern in seiner Aura, seiner Atmosphäre. Sie sind Träger von Lebensentwürfen. Wenn ich früher im Urlaub war, habe ich mir immer vorgestellt, wie es wäre, dort zu leben. Und zu dieser Vorstellung habe ich stets ein Gebäude gebraucht. Daran konnte ich eine Vision entwickeln. Und jetzt begreife ich, dass die Wohnungen, Buden, Häuser gar nicht Symbol meines jeweiligen Lebens waren, sondern das Leben der Atmosphäre des Hauses folgte. Es hat eine Geschichte weiter gereicht. Und wie bei einer beendeten Beziehung ist der größte und schwerste Gedanke derjenige, wer wohl als nächster das Haus lieben wird. Und was von einem selbst zurück bleibt und aufgespürt werden kann. Ein Haus zu verkaufen, das ist wie Freundschaft weiter geben.