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sh:z vom 09.02.2008


Von Andrea Paluch

Meine Kinder hatten sie schon entdeckt, bevor sie ins Kino kamen: die alten Kinder-Kassetten meines Mannes. Darunter befand sich eine stattliche Sammlung von ???-Kassetten, in denen Justus, Peter und Bob noch nicht erwachsen sind und so tun müssen, als wären sie jung. Aber ich will hier weder Schleichwerbung machen noch Kritiken schreiben. Ich will von einem Zufall erzählen. Neulich musste ich eine ganze Reihe ??? –Kassetten mit anhören, weil die Grippe unsere Kinder fest im Griff hatte. Während sie sich auf dem Sofa mit Tee mit Honig bedienen ließen, klärten Justus und Co einen Fall nach dem anderen. Mal ging es um ein verschwundenes Aztekenschwert, mal um einen Schatz aus Java, dann wieder um einen Diamant in einer Götterbüste. Immer spielten alte Mythen mit. Immer ging es um verfluchte Orte, verhexte Kisten, Legenden von Gespenstern. Wie es der Zufall wollte, musst ich mich an diesem Tag auf ein Literaturseminar vorbereiten, das ich über den irischen Lyriker Yeats geben sollte. William Butler Yeats ist einer der bedeutendsten englischsprachigen Dichter des 20. Jahrhunderts, ganz sicher jedoch der wichtigste des an Poeten nicht armen Irland. Er ist der große Erneuerer und Anreger der literarischen Moderne im anglo-irischen Raum - und das nicht, weil er perfekt und harmonisch die Spannungen der Zeit, die Entzweiungen zwischen Tradition und Gegenwart, Kontinent und Irland, Stadt und Land, Form und Inhalt ausgeglichen hätte, sondern weil er sie in immer krasserer Form herausgearbeitet hat. Und einer der Widersprüche ist, dass er sich in seinen Texten immer wieder auf Mythen und Legenden bezieht, irische, indische, biblische. Er erzählt sie aber nicht nach, sonder bricht sie, stellt sie auf den Kopf und erfindet sie neu. Und er mischt sie ganz real mit der Gegenwart. Plötzlich läuft seine Frau durchs Gedicht, oder sein Onkel. Das Postamt des irischen Aufstandes von 1916 wird mit dem antiken Babylon kurzgeschlossen. Der Grund dafür ist theoretisch sehr schwer zu erklären. Er lautet etwa so: Yeats will zeigen, wie eine Illusion entsteht und dass der verklärende Blick in die Vergangenheit immer nur Einbildung ist. Was wir als wahre Geschichte aufnehmen, ist eigentlich eine künstliche Erzählung. Aber ihre Kunstform ist in Vergessenheit geraten. Yeats will sie wieder in Erinnerung rufen. Und das völlig zu Recht. Denn wenn man die Vergangenheit verklärt, dann ist das Leben in der Gegenwart immer schlecht und kläglich. Yeats schreibt, dass Adam und Eva sich im perfekten Paradies gelangweilt haben. Sonst hätten sie nie den Apfel gegessen. Erst nachdem sie rausgeflogen sind, war das Paradies paradiesisch. Und das kennt ein jeder ja auch von seinem Urlaub: da war das Bett zu weich, das Zimmer hellhörig, das Essen schlecht. Aber wenn wir wieder hier im Alltag sitzen, dann war der Urlaub große Klasse. Wie erinnert man sich daran, dass er so klasse nicht war? Man zerstört die Illusion mit Dingen aus der Gegenwart. Und genau das tun die ???-Geschichten. Sie benutzen Anrufbeantworter, Kameras – in den neueren Geschichten Handys und Computer. Yeats würde sagen: Die Orientierung an der Absolutheit der Kunst, in der der Mensch der Endlichkeit enthoben ist, potenziert ein Leiden an der Mangelhaftigkeit der Zeitlichkeit und Subjektivität, vergrößert Trauer und Sehnsucht. Meine Kinder würden sagen: Krimis sind cooler als Märchen. Und das ist im Grunde genau das gleiche.