Textversion

Suchen nach:

Allgemein:

Startseite

sh:z vom 29.03.2008


Von Andrea Paluch

Die deutsche Literaturszene unterscheidet sich grundsätzlich von jener auf den britischen Inseln. Besonders auffällig ist dieser Unterschied im Hinblick auf die Gattung Lyrik. In Deutschland herrscht eine Auffassung vor, nach der Gedichte ebenso schwer verständlich wie Gedichtbände schwer verkäuflich sind. In Großbritannien dagegen sind nicht nur die Verkaufszahlen von Gedichtbänden höher als in Deutschland, anders ist vor allem die Haltung der Leser zu den Produkten ihrer Dichter. In England ist Lyrik nicht nur einer akademisch gebildeten Elite vorbehalten, sondern gehört zum alltäglichen Kulturerleben. Bei vielen lokalen und nationalen Ereignissen werden die Dichter gehört. Es gibt den National Poetry Day, an dem vermehrt Lesungen stattfinden, Fernsehen und Hörfunk ihre Programme für Lyrik freihalten und Schulen ihren Lehrplan zugunsten von Gedichten vernachlässigen. Eine Vielzahl englischer Verlage hat sich allein auf Lyrik spezialisiert - und schreibt schwarze Zahlen. Und diejenigen Verlage, die nicht ausschließlich Gedichte verlegen, haben meist eine eigene Lyrikreihe.
Ein Grund für die größere Aufmerksamkeit, die der Lyrik in England zuteil wird, liegt darin, dass die Insulaner seit Shakespeare auf die Trennung von ernster, klassischer Literatur und seichter Unterhaltungsliteratur nicht viel geben. Der Lyrik-Boom, den die Insel in den letzten Jahrzehnten erlebte, ist allein literaturgeschichtlich jedoch nicht zu erklären. Um ihn zu verstehen, muss man in die sechziger Jahre zurückgehen. In deren kultureller Aufbruchstimmung sorgt eine Gruppe junger Männer in einem bislang nicht für möglich gehaltenen Maß für die Popularität von Gedichten: Die Liverpool Poets. Unter diesem Namen sind die Dichter Adrian Henri, Roger McGough und Brian Patten bekannt. Die Liverpool Poets stellen auf literarischem Gebiet das Aushängeschild einer Generation im Aufbruch dar. Sie treten an, die alten Zöpfe im literarischen Leben abzuschneiden. Und sie verstehen ihr Anliegen als Teil einer demokratischen Erneuerung, als Ausbruch aus dem etablierten Literatenleben und als Politur der auch in England eingerosteten Dichterklischees. Es ist kein Zufall, dass gerade eine Hafen- und Arbeiterstadt wie Liverpool zum Ausgang dieses kulturellen Aufbruchs wird und nicht die Metropole London. London ist in den Augen der Liverpool Poets die Stadt, wo etablierte Literatur für einen Kulturbetrieb geschrieben wird, der sich zwar finanziell rentiert, aber auf sein Publikum blutleer und abgestorben wirkt.
Im Liverpool der Sechziger treffen sich viele bekannt gewordene Künstler. Allen voran natürlich die Beatles: Paul McCartney, John Lennon, Ringo Starr und George Harrison. Auf einer Bühne mit den Liverpool Poets spielt auch der Gitarrist Andy Roberts, dessen Karriere hier beginnt und der als Mitglied der Gruppe Pink Floyd später Weltruhm erlangt. Alle diese jungen Liverpooler eint eine neue und zu diesem Zeitpunkt revolutionäre Auffassung, die sie auf die Parole bringen: Kunst für das Volk!

Und das feld schrie „TRECKER“

(…) beim warten darauf, halbtot
gedroschen zu werden
zittert das feld

der schmerz
ohderschmerzoh
der schmerz

(Roger McGough)