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sh:z vom 03.05.2008


Von Andrea Paluch

Es gibt zwei neue ICE-Verbindungen in Schleswig-Holstein. Das ist eine gute Nachricht. Sie verbinden Hamburg mit Kopenhagen und Århus. Die Fahrzeit ist länger als die des alten Interregios, den es seit vielen Jahren nicht mehr gibt. Das ist die schlechte Nachricht. Zwei Stunden und zehn Minuten dauert die Fahrt vom Hamburger Hauptbahnhof nach Flensburg, ein und eine Dreiviertelstunde von Hamburg nach Puttgarden. Mit dem Auto ist man auf beiden Strecken deutlich schneller. Aber darum geht es nicht. Immerhin kann man im Zug einen Piccolo trinken und auf die Toilette gehen. Es geht eher um die umgekehrte Frage: Wie weit kann ich in zwei Reisestunden kommen? Von Flensburg aus nach Norden gefahren zum Beispiel bis nach Århus. Das riecht schon fast nach Ferien! Wohnte ich in Hamburg, könnte ich in zwei Stunden auf Mallorca sein. Früher konnte man sagen, Zeit und Raum werden durch die Mobilität der Menschen miteinander in Beziehung gesetzt. Heute ist es eher anders herum: Durch das hohe Beförderungstempo der Menschen hat sich die Zeit vom Raum entkoppelt. So mühsam eine Nachtzugreise nach Italien ist, sie ist eben auch romantisch, man hört die Alpen unter den Rädern, man wartet an Grenzübergängen, man kann mit allen Sinnen erleben, dass man sich vorwärts bewegt. Fliegt man über die Alpen, kommt es einem eher so vor, als würde man Fernsehen, als würde man beobachten, wie ein anderer sich bewegt. Aus einem kleinen Fenster schaut man auf merkwürdige Bergformationen, alles weit weg und irreal wie die Höhe, in der man sich aufhält. Und irgendwie ist das Aussteigen aus einem Flugzeug immer verbunden mit der schockhaften Erfahrung, woanders zu sein.
Umgekehrt kann auch eine Verlangsamung die gefühlte Entfernung erhöhen. Wandert man zum Beispiel zwei Stunden von seinem Haus weg – kein Spaziergang, der einen wieder zurück an den Ausgangsort führt – kommt es einem vor, als würde man in eine fremde Welt eintauchen. Oder genauer vielleicht: seine vertraute Welt von der Rückseite sehen. Nach zehn Minuten fängt man unter dem Rucksack an zu schwitzen, nach einer halben Stunde hat man Durst, nach einer Stunde tun einem die Füße weh, nach zwei Stunden hat man Hunger. Dann ist man 12 Kilometer von Zuhause weg und hat sich weiter vom Alltag entfernt als bei einem Flug nach Mallorca. Wandert man weiter, um dann abends in einer kleinen Dorfherberge zu übernachten, an der man sonst mit 80 km/h auf der gewohnten Landstraße vorbei fährt, ist man fast schon ein Aussteiger.
Wie Geschwindigkeit kann Entschleunigung den Raum neu ordnen und die Sicht auf den Alltag neu schärfen. Zugespitzt gedacht kann man sogar unterwegs sein, ohne sich weg zu bewegen. Kinder wissen das. Sie können versunken spielen, ohne dass sie merken, wie die Zeit vergeht. Und manchmal kann man so arbeiten, ohne Blick auf die Uhr, eingetaucht in Tätigkeit. Und plötzlich blickt man auf und es ist dunkel geworden. Das ist fast schon metaphysisch: etwas bleibt im Hier und Jetzt, während man eigentlich ganz woanders ist. Oder religiös: es gibt einen Trost, der die Zeit überdauert. Nicht unbedingt das, was ich gedacht habe, als der neue ICE vor Hamburg immer langsamer wurde und schließlich von einer S-Bahn überholt wurde.