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sh:z vom 10.11.2007


Von Andrea Paluch

Die Strecke Flensburg-Kiel beträgt ca. 90 km. Die 25 km ab Autobahnkreuz Rendsburg sind auf 120 km/h begrenzt. Wenn man die verbleibenden restlichen 65 km ebenfalls mit 120 km/h fährt, benötigt man bis zum Kreuz 32,5 Minuten. Fährt man jedoch 140 km/h, schafft man das Stück auch in 27 Minuten. Fünf Minuten können viel Zeit sein. Es ist die Zeit, die ein Ei braucht, um schmackhaft und mundgerecht zu kochen, fünf Minuten Schlaf können einem Kraft für sechs Stunden Konzentration geben, und schon 2 Minuten Strafe können im Sport ein Spiel auf den Kopf stellen. Fünf Minuten sind die Zeit, die manchmal fehlt, um einen Aufsatz, einen Brief oder ein Buch fertig zu stellen. Aber die meisten, die 140 km/h und mehr fahren, die rasen, die Lichthupe betätigen, das Fernlicht aufblenden, eng auf Laster auffahren, die Spuren wechseln oder fast an der linken Leitplanke kleben, um ihre Ungeduld zu signalisieren, machen das nicht, um danach Zuhause schnell ein Nickerchen einzulegen, einen Brief zu schreiben oder eine Ei zu kochen, sie machen es, um Zuhause zum Kühlschrank zu latschen, sich ein Bier zu schnappen, den Fernseher anzumachen oder einfach nur rumzusitzen. Es gibt eine merkwürdige Nichtübereinstimmung zwischen gefühltem und tatsächlichem Sinn, wenn man beim Autofahren fünf Minuten einsparen möchte. Wir alle leben ständig in dem Gefühl, zu wenig Zeit zu haben. Zeit scheint kostbar zu sein – nicht nur für die grauen Herren im Kinderbuch Momo, die den Leuten die Zeit stehlen, indem sie sie mit unnützem Tand versorgen, um sie alle zu Sklaven der Moderne zu machen. Unter dem Regiment der Zeitersparnis muss man, was man macht, schnell machen, um dann das nächste zu machen. Dabei ist es ganz egal, was das nächste ist. Hauptsache, man macht etwas. Objektiv gesehen ist deshalb Rasen irrational. Und bei anderen registrieren wir dieses irrationale Verhalten auch sehr bewusst. Wenn ein Lastwagen den anderen wegen eines Geschwindigkeitsunterschiedes von 5 km/h, also einer Zeitersparnis von vielleicht 10 Minuten auf der Strecke Odense-Hannover überholt, eine Zeit, die man in Pinkel- oder Kaffeepausen schnell wieder vertrödelt, dann rechnen wir eiskalt den Unsinn vor und schimpfen laut darüber. Wir selbst aber verhalten uns oft genau so. Das wiederum liegt daran, dass subjektiv gesehen Schnellfahren durchaus einen Wert hat. Das Im-Verkehr-mitfließen gilt als wenig cool, so wenig wie eben Angepasstsein. Ausscheren und mal Zwischengas geben sichert einem neben dem Ärger der anderen Fahrer jedenfalls auch ein gewisses Ansehen von einem selbst gegenüber sich selbst. Man hat mal ordentlich Gas gegeben. Man ist voll in die Eisen gegangen. Dem hat man es aber gezeigt. Dabei das Radio aufdrehen und die Sonnenbrille aufsetzen und plötzlich ist Tarp Miami. Objektiver Sinn und subjektive Leidenschaft klaffen etwas auseinander. Der Mensch aber gilt als vernünftig. Mindestens vernunftbegabt. Und deshalb sollte er im Zweifelsfall nicht den niederen, subjektiven Instinkten folgen, sondern den objektiven Gründen. Fünf Minuten Zeit können viel sein. Im Alltag sind sie aber allermeist schnell irgendwo vergeudet.