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sh:z vom 26.06.2010


Von Andrea Paluch

Ich habe in einer früheren Kolumne ein wenig über die Frage raisoniert, dass man nicht recht weiß, wer eigentlich William Shakespeare war. Der Kaufmann aus Stratford upon Avon war wohl jedenfalls nicht mit dem Stückeschreiber gleichen Namens identisch, höchstens lieh er ihm seinen Namen. Nun las ich, dass das Rätsel wohl gelöst ist und dass der Earl of Oxford sich hinter dem Mann Namens „Rüttel-den-Knüppel“ verbirgt. Damit büßen die Shakespeare-Dramen an Intelligenz, Witz und dramatischer Gehalt nichts ein. Es sind immer noch die größten! Mann und Mythos jedoch sind schwer angeschlagen. Und das zwingt mich geradezu in eine zweite Kolumne. Shakespeare galt einer ganzen Epoche als Universalgenie. Ein Mann, aus dem Nichts kommend, schöpft aus der Kraft seiner Seele die dramatischen Abbilder seiner Epoche, des ganzen Abendlandes. Goethe, Schiller, Lenz, die Schlegel-Brüder, Novalis und eigentlich alle romantischen und klassischen Dichter des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts verklärten Shakespeare zum Vorbild für das Wesen der Dichtkunst ganz allgemein. Das passierte übrigens in diesem Maße nur in Deutschland, wo immer ein Schuss „Wesen“ hinzukommen muss. „Dichtkunst“ allein, das ist doch nichts, aber „Wesen der Dichtkunst“, da weiß man gleich, was man hat. Oder eben doch nicht. Denn so richtig ließ sich eben nicht erklären, was denn nun das „Wesen“ ausmacht. Es war so etwas wie der mythische Urgrund von Sprache. Und Sprache war Logos. Und der Logos war Gottes Wort. Und der Dichter war irgendwie heilig, eben einer, der geboren war, aus der Tiefe seiner Seele tiefe Einsichten zu verkünden. Der Shakespeare-Kult diente einem klaren Zweck: Der eigenen Selbststilisierung. Wer konnte an Goethe schon rummäkeln, wenn er ein Genie war. Und wer wollte die Werke der jungen Wilden (Novalis, Hölderlin, Schlegel) verurteilen, wenn sie gleichfalls genialen Ursprungs waren, wie sie selbst jedenfalls nahelegten. Und nun: Pustekuchen! Der Earl of Oxford dürfte zu den bestgebildetsten Männern (Frauen waren damals weit weniger gut ausgebildet) seiner Epoche gehören, geschult in klassischen Versmaßen, vieler Sprachen mächtig, belesen in antiken wie modernen Literaturen und Philosophien. Und wenn man Machiavelli kennt, liest sich Macbeth schon mal ganz anders und Hamlets Zaudern oder des Brutus Rede in Julius Caesar und die Possen des Sommernachtstraums – wie gesagt, große Stücke und mir die liebsten bis heute, aber neu doch nur auf dem Vorbild des Alten. Und das gilt für Kunst und Literatur wohl allemal. Das neue entsteht aus dem Bekannten, das Große auf dem Fundament des vorher Großen. Der Schriftsteller, der nicht liest, hat keine Ahnung. Und es ist für jeden Schriftsteller das schwierigste, sich frei zu schreiben, nicht zu klingen wie irgendein Vorgänger. Das zuzugeben ist nicht ehrenrührig. Im Gegenteil, es zu leugnen ist nicht lauter, weil es einen dem Urteil anderer entziehen will. Mein Schreibpartner und ich (bevor er sich entschied, einem anderen Beruf nachzugehen und weniger zu schreiben als zu reden…) erarbeiteten und veröffentlichten unsere Bücher ja immer gemeinsam. Eine Lebensentscheidung, miteinander Leid und Erfolg zu teilen. Und das bedeutete auch, dass wir Kritikern ziemlich genau über den Prozesse des Schreibens und die Entstehung von Ideen Auskunft geben konnten. Wir mussten uns ja gegenseitig darüber Rechenschaft ablegen. Und das führte dazu, dass die Kritiker (deutsche vom Wesen) uns genau das vorhielten. Und denen sage ich jetzt (lesen sie wahrscheinlich nicht, macht aber trotzdem Spaß): Earl of Oxford!