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sh:z vom 16.02.2008


Von Andrea Paluch

Der Verlag, bei dem wir unsere beiden letzten Jugendbücher veröffentlicht haben, rief an. Ob wir Ideen für einen neunen Roman hätten, der im Frühjahr 2009 erscheinen könnte. Seitdem laufen mein Mann und ich anders durch den Tag, suchen Geschichten, suchen Bilder, suchen Menschen. Und etwas ist anders als bei den Vorarbeiten zu den letzten beiden Jugendbüchern. Neulich bei einer Lesung vor Schülerinnen sah ich zum ersten Mal nicht mehr mich als Jugendliche in ihnen, sondern sie als Zukunft meiner Kinder. Ich blickte nach vorn und nicht zurück. Handelten die letzten beiden Bücher vielleicht mehr von uns als von der Gegenwart, so wird das nächste mehr von der Zukunft handeln als von uns. Und ich überlege mir, was die Zukunft für meine Kinder bereithalten wird, das ich nie erlebt habe. Als ich sechzehn war, gab es schwere Walkmen („walkmans“, wie man im falschen Plural zu sagen pflegte), heute spielen Handys sogar Filme ab. Das Erwachsenwerden mit allem möglichen technischen Schnickschnack ist neu – und ich als Erwachsene mache ebenfalls meine Erfahrungen damit. Rauchen war damals cool – nur ich nicht -, heute zaubert Uri Geller die Sucht weg. Der Weg zum Abitur dauerte 13 Jahre, heute dauert er 12 Jahre: Bildung wird nach den wirtschaftlichen Kriterien der Verwertbarkeit von Jugendlichen ausgerichtet. Dieser Entwicklung müssen wir in unserem Buch auf jeden Fall hart widersprechen! Gibt es Freizeit eigentlich noch? Als abgetrotzte, dem Trott entzogene glückliche Zeit? Oder sind die allgegenwärtigen Casting-Shows nicht der Beweis, dass man selbst seine Hobbys inzwischen zu Markte trägt? Wie sehen die heute Sechzehnjährigen die Welt? Ich meine, wie sehen sie sie wirklich? Mein Lebensgefühl war irgendwie ernüchtert. Die Zeit, wo man auch mit einer anything-goes-Haltung Erfolg hatte, war in den Achtzigern schon der Erkenntnis gewichen, dass es sinnlos geworden war, gegen die Erfolgreichen zu protestieren. Idealismus aus der Enttäuschung zu schlagen, das war unsere Aufgabe. Und heute? Wie werden sich meine Kinder gegen unsere Ansprüche zur Wehr setzen? Werden sie politisch werden oder resignieren, weil Politik auch nur eine weitere Casting-Show ist? Werden sie private Ideale finden oder neue Freiheiten einfordern? Wie werden sie sich kleiden? Werden sie eine eigene Mode kreieren oder gegenüber den Moden gleichgültig werden? Kopieren sie die Achtziger oder Neunziger, lassen sie sich die Haare wieder lang wachsen oder werden sie sich Glatzen schneiden? Kommen vielleicht gar Perücken wieder in Mode?
Als ich sechzehn war, hatte das erste Mädchen in unserem Jahrgang ein Nasenpiercing. Das war damals etwas Ungeheuerliches und Gesprächsstoff Nummer eins. Heute sind Tätowierungen in und Lippen und Zungen durchstochen. Wie es sich wohl anfühlt, jemanden zu küssen, der einen Zungenstecker hat? Das ist eine Erfahrung, die mir wohl auf immer verschlossen bleiben wird – vielleicht aber wird sie für meine Kinder so normal sein, wie für mich damals, mit einem Walkman am See zu liegen. Aber wie beschreibt man nicht nur einen ersten Kuss, sondern einen ersten Kuss mit einer gepiercten Zunge oder Lippe? Wie schmeckt das Metall? Gibt es Geräusche, wenn der Stift gegen Zähne schlägt? Sind das die Fragen, über die meine Kinder nachdenken, wenn sie noch zwei Ticks älter sind?
„Gepiercte Küsse“ – das klingt wie ein gutes erstes Kapitel für einen neuen Jugendroman.