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sh:z vom 14.06.2008


Von Andrea Paluch

Nach gefühlten hundert Jahren Kindergeburtstag mit Brezelbeißen und Verkleiden feierten wir diesmal anders, fast schon wie Erwachsene. Die Gäste kamen erst abends um sechs, sie tobten und rannten bis um acht, dann gab es Picknick im Garten, dann eine Wasserbombenschlacht, dann eine Nachtwanderung, die uns gegen elf Uhr durch die Dämmerung zurück führte in den Garten, wo inzwischen ein Zelt stand, in dem die gesamte Geburtstagsgesellschaft schlafen sollte.

Während wir spazieren gingen, etwa gegen halb elf, stellte sich eine Ruhe und ein Frieden ein, von dem ich zwar wusste, dass es ihn gibt – und zwar jeden Abend – die man aber im Trubel des Alltags kaum wahrnimmt. Die Vögel hielten mit dem Ende der Dämmerung ihren Schnabel, die Luft wurde weich, der Wind legte sich, die Bäume hörten auf zu rauschen, die Fledermäuse stellten die Jagd ein. Nur die halbstarken Kälber auf den Wiesen tollten noch über die Koppel, als sie unsere Geburtstagsgesellschaft kommen sahen. Jungbullen sind eben auch nur Männer. Aber insgesamt war es, als atmete der Tag aus. Mir ging der Anfang von Georg Trakls großartigem Gedicht „Verfall“ durch den Kopf, jener Teil, der den Frieden beschwört, bevor der Tod ihn zunichte macht:

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

Das hatte ich in der Schule gelernt und wusste es noch. Und genau so lange her schien es, dass ich draußen geschlafen hatte. Nicht im Zelt, sondern unter freiem Himmel, unter dem Sternenzelt sozusagen.
Kaum hatte ich die Geburtstagsgesellschaft im Schlafsack und legte mich vors Zelt, wollten sie es mir gleich tun. So schliefen wir alle draußen. Die Nacht gab das her. Friede, Ruhe, Stille. Es war Mitternacht.
Plötzlich plumpste etwas vom Baum. Unsere Katze. Dumm nur, dass sie mitten in der Spielzeugkiste landete, die da sonst nicht stand. Dann jagte sie mit der Nachbarkatze unsichtbare Mäuse, mit Höchstgeschwindigkeit über unsere Schlafsäcke. Alle waren wieder wach und mussten erstmal aufs Klo. Danach wieder Ruhe. Plötzlich ein Schnauben, ein Prusten und dann ein Schmatzen und schließlich ein Geräusch, das ich nicht beschreiben möchte. Mir war nicht klar, dass Pferde nachts fressen und auch nicht, dass sie es so laut tun und auch gleich verdauen (nicht minder leise). Gegen zwei Uhr hopste eine fette Kröte über meine Hand. Ich musste mich zusammenreißen, nicht aufzuschreien. Ich hielt die Luft an, hielt die Stille. Aber die Natur war weit weniger diszipliniert. Gegen vier Uhr hatten die Vögel ausgeschlafen. Und die Geburtstagsgäste auch (glaubten sie jedenfalls). Nur ich nicht. Ich schreibe diese Kolumne, während die Kinder in den Mittagsschlaf fallen, für den sie sich als eigentlich zu groß erklärt haben. Jetzt, endlich, ist Ruhe. Mitten am Tag.