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sh:z vom 17.04.2010


Von Andrea Paluch

Lesereisen sind ein Teil meines Lebens. Meist ein guter. Jedenfalls breche ich immer voller Elan und Glück auf. Dass ich dann kaputt bin, wenn ich eine Woche später im Zug über die Kanalbrücke schaukle und wieder nichts weiter geht, weil erst ein entgegenkommender Zug vorbei gelassen wird, steht auf einer anderen Karte. Man glaubt ja gar nicht, wie anstrengend Lesen sein kann. Und ein Hotel ist eben kein Zuhause. Was mir von den meisten Lesereisen vor allen Dingen in Erinnerung bleibt, das sind die einsamen Wege gegen Mitternacht durch verlassene Innenstädte in Zürich, Leipzig, Dresden oder Köln, nach einem Wein-Abend mit Buchhändlerinnen, Verlegerinnen oder Journalistinnen. Da ist man dann allein mit sich, konzentriert in der Fremde. Gelbes Laternenlicht fällt auf die Wege, man schaut auf seine Füße und fängt Kinderspiele an, wie „nicht auf die Fugen zwischen den Pflastersteinen treten“. Das ist aber nicht immer leicht. So gibt es immer wieder diese Abschnitte von kleinen, etwa 5x5 cm breiten Steinen, in mühevoller Kleinarbeit gelegt. Vor wie vielen Jahren weiß schon keiner mehr. Allerdings entdeckte ich neulich in Flensburg, dass diese Steine wieder verlegt werden, statt der üblichen 0815 Gehwegplatten. Ich frage mich, wer nach welchem System entscheidet, welche Pflastersteine gelegt und verbaut werden? Offensichtlich gibt es eine Geschichte der Baumaterialien. Und wie jede Geschichte hat sie auch etwas zu bedeuten, hält verborgene Informationen über ihren Bauherren, Planer und die Menschen, die darüber gelaufen sind, in sich. In Leipzig gibt es auf dem Weg in die Südstadt ein sehr altes Pflaster. Ich kenne mich mit den Gesteinsarten nicht so gut aus, aber vielleicht ist es Granit – ein Granit, der schon lange nicht mehr grau ist, dessen Enden rund getreten sind von Millionen von Füßen von Menschen, die schon lange gestorben sind. Schritte in Stiefeln im Winter der DDR, Barfußschritte von Kindern in der Diktatur, Soldatenschritte im zweiten Weltkrieg, vielleicht Kaiserreichsschritte, preußischer Stechschritt – was diese Steine wohl gesehen haben?

In Rom (dahin hatte ich noch nie eine Lesereiseeinladung) gibt es die runden Steine der Via Appia, vor 2500 Jahren von Sklaven gelegt. Und natürlich weiß ich, dass Steine aus Stein sind und keine Erinnerung, aber ich bilde mir ein, die Hände, die Schmerzen, das Unglück dieser Menschen sehen zu können, die sie damals verlegten. Und merkwürdigerweise kann ich das in Steinen mehr als in Büchern, Gemälden, Kunst. Es ist, als ob die Härte der Materie eine festere Hülle für diesen unsichtbaren Erinnerungskern ist.

Ähnlich wie die Via Appia sind Bordsteine in Berlin mit großen, was sage ich, riesigen Quadern ausgelegt, Quadern, die unmöglich mit der Hand verlegt worden sein können, aber irgendwie sein müssen, denn auch sie scheinen alt, sehr alt. Warum sie in dieser Größe konzipiert wurden – eines der letzten Rätsel der Menschheit. Vielleicht weil weniger Unkraut durch weniger Fugen wächst.

Ich las neulich, dass eine Gemeinde auf die Idee gekommen ist, die Winterschlaglöcher an ihre Bürger zu verkaufen und den Namen desjenigen, der für den Asphalt bezahlt, in die ausgebesserte Stelle einzugravieren. So ähnlich wie die Schauspieler in Hollywoods Walk of Fame verewigt werden. Ob mit oder ohne Schrift - der Boden auf dem wir gehen trägt unsere Geschichte. Und die Geschichte derer, die vor uns darauf gegangen sind.