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sh:z vom 22.12.2007


Von Andrea Paluch

Zwei meiner besten Freunde stritten sich. Wir gingen am Deich spazieren. Es war in jenen Juni-Tagen, die man kaum als Sommer bezeichnen kann. Über der Nordsee, wo man am Horizont die Warften und Halligen sah, ballten sich schwarze Wolken zusammen. Die Luft fühlte sich an wie im März, die Nordsee war kabbelig. Es gab noch keine Quallen. Der eine hatte gerade sein Kind taufen lassen. Der andere schüttelte den Kopf und sagte: „Ich glaube nicht an Gott. Ich bin Atheist.“ Drauf der andere: „Atheismus gibt es nicht. Dazu müsstest du wissen, dass es Gott nicht gibt. Du glaubst aber nur, dass es Gott nicht gibt. Also glaubst du.“
Das wollte mein atheistischer Freund nicht auf sich sitzen lassen. Er zeigte an den Himmel. „Siehst du die Wolken? Sieht aus, als ob es bald regnen würde. Aber ich kann es leider nicht wissen. Daraus folgt doch nicht, dass ich an die Berechenbarkeit des Wetters glaube.“
Mir wurde die Diskussion zu kompliziert. Ich bückte mich, sammelte ein paar vertrocknete Blasentank-Arme auf und zerdrückte die Luftpolster. Sie waren leer. Trotzdem waren die Blasen da. Ob ich das meinen Freunden sagen sollte? Aber die waren noch immer voll im Gang.
„Wer sagt dir, dass Gott berechenbar ist?“ fragte der, der sein Kind hatte taufen lassen.
„Muss er doch sein. Jedenfalls prinzipiell. Er muss eher gut als böse sein. Darauf muss man sich doch verlassen können, wenn man glaubt, oder?“, entgegnete der Zweifler. „Wenn du an Gott glaubst, müsstest du auch glauben, dass es regnen wird, wenn schwarze Wolken aufziehen.“
Die Wolken sahen in der Tat bedrohlich aus und kamen näher.
„Sag du doch mal was, Andrea“, sagte der andere unvermittelt. Ich war in Gedanken noch beim Blasentang.
„Glauben ist nicht gleich glauben“, sagte ich. „Die Worte klingen zwar gleich. Aber sie haben unterschiedliche Bedeutungen. An-Gott-glauben bedeutet, in einer engen Bindung zu Gott zu stehen, es bedeutet so was wie Gott-wissen oder Gott-hoffen. Wenn du es aber verneinst, also sagt, „Ich glaube nicht, dass es Gott gibt“, dann bedeutet „glauben“ so was wie „annehmen, vermuten oder für möglich halten“. Glauben ist sozusagen ein Teekesselchen.“
Die beiden schwiegen.
„Blöde Schriftsteller“, maulte der eine dann nach einer Weile. „Legen jedes Wort auf die Goldwaage.“
„Und gibt es also Atheisten?“ fragte der andere nach.
„Keine Ahnung. Aber ich schätze, wenn du sagt, „Es gibt Gott“ musst du auch zulassen, dass einer sagt, „Es gibt Atheisten“. Ob das was beweist, weiß ich nicht.“
In diesem Moment fielen der ersten Tropfen. Wir blickten alle wie auf Befehl hoch in den Himmel. Dann zogen wir unsere Jacken höher und schlossen die Reißverschlüsse.
„Siehst du“, sagte der mit dem getauften Kind, „es regnet.“
Aber da täuschte er sich. Die Wolken zogen weiter ins Hinterland. Es fielen nur Tropfen. Dicke, schwere Tropfen zwar, aber nichts, zu dem man Regen hätte sagen können. Wir mussten nicht umdrehen sondern gingen weiter. Allerdings, trocken war es auch nicht. Vielleicht ist so Glauben, dachte ich.