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sh:z vom 05.12.2009


Von Andrea Paluch

Also Lance Armstrong hat nicht gedopt. Alles klar. Aber eines ist mal sicher: Männer sind beim Wettkampf um das neuste Präparat und die besten Hormone gegenüber Frauen klar im Vorteil. Ihnen sieht man wenigstens nicht am Bartwuchs auf der Oberlippe an, dass sie irgendwas geschluckt oder gespritzt haben, was nicht in ihren Körper gehört. Bei Frauen, vor allen Dingen den Leichtathletinnen, ist das anders. Ich kann mich sowohl an die Beine osteuropäischer Sprinterinnen wie an Florence Griffith-Jones aus den USA erinnern. Sie, die mit langen, lackierten Nägeln lief, und Oberarme wie Sylvester Stallone hatte und eine Stimme wie Bud Spencer. Ja, ganz ehrlich, eine merkwürdige kuriose Neugier an der Leichtathletik kam gerade daher, dass man hier Männerkörper in Frauendisziplinen sehen konnte. Hier schien die Schöpfung – oder der sexuelle Code – außer Kraft gesetzt. So wie Piratengeschichten eine extra Spannung erhalten, wenn sie von Mary Read oder Anne Bonney, den Frauen an Bord erzählen, der Kampf um Troja eine eigene Note erhält, als die Amazonen eingreifen und gemetzelt werden, oder Eleonore Prochaska als männlicher Infantrist in der schwarz-rot-goldenen Uniform im deutschen Freiheitskrieg fällt und damit die deutsche Fahne zum Symbol der Demokratie macht. Es gibt in der Geschichte der Leichtathletik ein paar Fälle, in denen tatsächlich Männer, die sich als Frauen ausgaben, Wettkämpfe gewannen. Die Polin Stanislawa Walasiewicz, die in den Dreißigern Spitzensportlerin war, wurde 1980 nach ihrem Tod als Mann enttarnt. Die deutsche Hochspringerin Dora Rathien war ebenfalls ein Mann.

Im August in Berlin lief die Südafrikanerin Caster Semenya allen anderen beim 800-Meter-Lauf davon. Der Weltverband IAAF verlieh den Weltmeistertitel nur unter Vorbehalt. Und die Bild-Zeitung fragte: „Ist diese Frau ein Mann?“ Tatsächlich musste sich Caster Semenya einem Geschlechtstest unterziehen. Das ist kein Doping-Test und der Vorwurf oder Verdacht zielt auch nicht auf vorsätzlichen Betrug, sondern darauf, dass der Mann in ihrem Körper versteckt ist. Im Grunde zielt die Frage darauf, ob die Gute zwei X- oder ein X- und ein Y-Chromosom hat. Dass die eindeutigste Frage der Welt mitunter ganz schön schwierig zu beantworten ist, dass eine Frau in einem Männerkörper oder ein Mann in einem Frauenkörper zuhause ist und sich dort nicht heimisch fühlt, ist seit Anbeginn der Kultur bekannt, meist verleugnet, hin und wieder akzeptiert und manchmal, ganz selten, ist diese Lage auch verehrt worden. Manchmal gibt es sogar an einem Menschen beide Geschlechtsmerkmale. Nicht wenige Geschichten handeln davon, die Ursprungsmythen der Menschheit erzählen von Intersexualität und geschlechtlicher Verwirrtheit. Santhi Soundarajan aus Indien, ebenfalls 800 Meter Läuferin, die bei den Asien-Spielen 2006 die Silbermedaille gewann, wurde nach einem Geschlechtstest als Mann eingestuft. Die Medaille war futsch, ihre Identität auch – denn Santhi hatte sich stets als Frau gefühlt. Sie unternahm nach der Mitteilung einen Selbstmordversuch. Und das ist der eigentliche philosophische Kern hinter dem Sport. Wer sind wir eigentlich? Und werden wir nicht durch das, was wir tun, zu dem, der wir sind? So lehrt es die Philosophie und die Religion. Gut geboren zu sein, reicht nicht. Man muss auch gut im Leben sein. Was aber, wenn man im besten Wissen gut handelt, und dann stellt sich heraus, dass die Voraussetzungen gültig oder ungültig sind, egal, was man tut? Das ist die Denkfigur des Rassisten. Statt also die Welt zu normieren, sollte die Frage im Raum bleiben, ob nicht noch sehr viel mehr Menschen in Berlin um Gold stritten, von denen niemand weiß, wer sie sind.