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sh:z vom 06.12.2008


Von Andrea Paluch

Neulich schrieb ich eine Kolumne über Marx, Geld und Kapital und dass man da gut länger als zehn Minuten drüber reden kann. Hätte ich gewusst, wie viele Reaktionen Karl Marx auslöst, ich hätte es mir vielleicht überlegt. Die mich am meisten berührende jedoch hatte gar nichts mit Marx zu tun, sondern mit meinem Gesprächspartner, den ich in der Kolumne verbraten hatte. Er sagte, als er sie las: Hey, aber die Pointe hast du vergessen. Und die wäre, fragte ich. Du hast schon mal auf Karl Marx’ Platz gesessen, war die Antwort. Und das stimmte. Im Jahre 1996 studierte ich mit einem Stipendium der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein halbes Jahr lang in London. Und mein Arbeitsplatz in der British Library war genau jener Platz, auf dem Karl Marx seinerzeit „Das Kapital“ geschrieben hatte. Der gleiche Lampenschirm, die gleiche Stuhllehne, die gleichen Handabdrücke im morschen Leder. In Statistik hatten wir früher in der Schule einmal ausgerechnet, dass jeder Mensch pro Stunde ein Molekühl einatmet, das Julius Caeser bei seinem Todesschrei ausgestoßen hat. Ich fand das stets eine eklige Vorstellung. Wer weiß, wie gut die römische Mundhygiene war… Vor allen Dingen zeigte diese Rechenaufgabe, dass uns die Teilhabe an der Vergangenheit irgendwie wichtig ist. Im Runden Turm in Kopenhagen, dem alten königlichen Observatorium, gibt es eine Toilette, in der auf einer Tafel beschworen wird, dass sich im Holz der Decke noch Partikel aus den Pfeifen von Sören Kirkegaard und H.C. Andersen befinden. Damals durfte man noch in öffentlichen Toiletten rauchen. Schlimmer noch, auch die Fäkalien der beiden und tausend Anderer hängen noch in dem Rohr unter der Toilette, die so konstruiert worden war, dass ihre Sickergrube nur alle 300 Jahre geleert werden muss. So eklig war die Vorstellung von Caesars Mundgeruch dann auch wieder nicht. Die Klobrille wird eine ähnliche Geschichte haben. Auch wenn Marx auf der jetzt nicht gesessen hat. Und in Tübingen hängt unterhalb eines im ersten Stock befindlichen Fensters ein Schild mit der Aufschrift: „Hier kotzte Goethe“. Und als ich als Schülerin einen Austausch nach New York machte, war der Schwager von Madonna unser Reiseführer. Und an seiner Hand hingen ganz sicher auch Atome von Madonnas Haut. Wahnsinn, welche Promis ihr Leben schon mit meinem geteilt haben. Andererseits – was ist jetzt die Pointe? Vielleicht diese: Ein ehemaliger Kommilitone von mir hat im Treppenhaus seiner Wohnung ein Schild angebracht, auf dem steht: „Hier war Goethe nicht“. Karl Marx’ Schweißflecken, Kirkegaards Pfeifenqualm, Goethes – naja, lassen wir das – sie sind allemal in der Unterzahl gegen all die Molekühle all der Menschen, die ich sonst berühre, einatme, die mich berühren. Wenn ich mich im Zug auf einen Sitz setze, saßen vor mir hunderte, tausende Andere drauf. Eine jede mit ihrem eigenen Problem und ihrer eigenen Geschichte. Vielleicht werde ich einmal den Roman eines Kissens oder Bordsteins schreiben, auf dem Menschen unweigerlich ihre Abdrücke hinterlassen haben. Und wenn ich mir vorstelle, dass mein Atem von so vielen anderen – vielleicht Ihnen gerade – wieder eingeatmet wird, werde ich ganz ehrfürchtig. Das schöne ist, dass jeder und jede diese Ehrfurcht haben kann. Julius Caesar und die anderen werden nicht gebraucht. Die historische Autogrammkarten-Sammelei führt zu nichts. Aber all die, die noch Atem haben, sind Teil unseres Lebens.