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sh:z vom 19.07.2008


Von Andrea Paluch

Wie entstehen Erinnerungen? Oder genauer gesagt, was löst Erinnerungen aus? Das ist nicht so leicht zu beantworten. Ich habe Erinnerungen, die sind so lebendig und so gegenwärtig, als wären die Ereignisse, auf die sie zurückgehen, erst gestern gewesen. Die Geburt meiner Kinder, genauer das Gefühl, als ich zum ersten Mal so ein warmes, nasses, käseschmieriges Bündel Mensch auf meinen Bauch legte, in dem es eben noch steckte. Das erste Mal, dass ich meinen Mann sah, ohne zu wissen, was aus diesem ersten Mal werden würde.
Und dann gibt es Erinnerungen, von denen man nichts ahnt. Sie scheinen nicht lebendig, sondern in einer Art Puppe zu leben. Sie kommen, wenn ich plötzlich auf Kleidung stoße, ganz unten im Schrank, von der ich nicht mehr wusste, dass ich sie überhaupt noch hatte. Dieses Hemd habe ich dann und dann gekauft und damals getragen. Und plötzlich erinnere ich mich an das Wetter dieses Tages, erinnere mich an eine Baustelle, wo das Kopfsteinpflaster in der Innenstadt aufgebrochen wurde und wie die Salzbrezel schmeckte, die ich gerade aß und dass ich sie in die Tüte mit den Schuhen steckte, als ich den Hemd-Laden betrat.
Und Bücher gibt es, die ihre Geschichten nicht nur zwischen den Deckeln haben, sondern auch zwischen den Zeilen und sie auferstehen lassen, wenn man sie wieder liest. In welchen Ferien ich den Widerstandsroman aus Spanien las, wie es sich anfühlte, achtzehn zu sein und mit dem Zug durch Europa zu gondeln, die verregneten Weihnachten bei meinen Eltern 1993 und wie verliebt ich war, so sehr, dass ich nachts nicht schlafen konnte und immer weiter las, das Buch der Freund, den ich sonst nicht hatte. Das alles hängt den Büchern an. Und Musik, mehr noch als Bücher, eine Hitparade meiner Lebensereignisse könnte ich schreiben:

10 The J. Geils Band: Centerfold. Hätte ich wohl nie gehört, aber meine älteren Geschwister mochten es.
9. David Bowie: Let’s Dance. Tanzend auf ersten Teenager-Parties.
8. U2: The Unforgettable Fire. Als ich von der Sehnsucht Heranwachsender gemartert wurde
7. Tori Amos. Als ich merkte, dass es neben den Charts noch andere Musik gab.
6. Led Zeppelin: Stairway to Heaven. Ein hübscher Junge klärt mich darüber auf, dass es auch eine Zeit vor den Charts gab.
5. Tom Waits. Mein Musiklehrer lenkt mich von der Klassik ab.
4. Eugène Bozza: Image. Mir wird klar, dass ich nie eine große Flötistin werde.
3. Gianna Nannini: Bello E Impossibile. Als ich 1992 durch Italien trampte, im VW-Bus liegend.
2. Herman van Veen: Die Ente Quak. Als mein erster Sohn ein halbes Jahr alt war.
1. Das Glockenspiel, das an meinem Kinderbett hing und etwas Ähnliches wie „Guten Abend, Gut’ Nacht“ spielte, nach zwei Durchgängen langsamer wurde und irgendwann mittendrin erstarb.

Eigentlich fallen mir noch viel mehr Lieder ein, die mich bisher begleitet haben und regelmäßig beim Wiederhören Erinnerungsschübe auslösen. Ich frage mich, ob die Erinnerungen immer in mir drin sind, immer da und nur abgerufen werden (und wenn ja, wo sie dann sind), oder ob sie irgendwo draußen sind, in der Luft, im All, in der Atmosphäre. Und ob sie dann durch die Gegenstände, Bücher, Lieder Gestalt annehmen und sich verlebendigen. Vielleicht stellt man deshalb einen Grabstein auf ein Grab. Weil es nichts Schwereres und keine dichtere Materie gibt, an der sich eine Erinnerung festmachen kann.