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sh:z vom 12.04.2008


Von Andrea Paluch

Das Grauen für Auto fahrende Norddeutsche auf dem Weg nach Süden sind die Kassler Berge. Nicht, weil sie besonders schwierig zu fahren sind, sondern dass es sie gibt, dass es Berge an sich gibt, ist für uns, die wir die A7 bis Hamburg oder meinetwegen bis Hannover fahren, schlicht anstößig. Man bekommt Ohrendruck, man schätzt seine Geschwindigkeit falsch ein, und obendrein fährt man plötzlich auch noch durch Schneeregen. Nicht, weil das Wetter schlechter geworden wäre, sondern nur, weil sich die Höhe verändert hat und der Regen gefriert. Uups – was habe ich geschrieben? „Der Regen gefriert“? Selbstverständlich ist es genau anders herum. Schnee taut beim Fallen in die Niederungen. Moment. „Selbstverständlich“ ist das so? Wenn etwas so „selbstverständlich“ ist, hätte ich es kaum verkehrt geschrieben. Die Antwort ist keinesfalls selbstverständlich: Sprache und Logik sind nicht deckungsgleich. Und leider ist es nicht so, dass die Sprache die Logik nachformt, Worte die Wirklichkeit nachbilden, Laute die Natur nachahmen. Wenn schon, dann ist es eher umgekehrt. Wenn Schafe blöken, dann hört es sich zwar an, als ob sie „mäh“ sagen, aber sie sagen es eben nicht, es hört sich nur so an. Und es hört sich so an, weil die Sprache der Schafe bis dato unbekannt ist. Genauer wäre sogar zu sagen, es hört sich für uns so an, als ob sie blöken. Hähne zum Beispiel machen in Deutschland „Kikeriki“, in England „cock-a-doodle-doo“, in Polen „kukuryku“ und auf den Philippinen „tiktalaok“. In jeder Sprache scheinen sie anders zu klingen, ja, sie scheinen sogar die Sprache zu wechseln, wenn man sie in ein anderes Land bringt.
Bittet man einen Westeuropäer, einen Vogel zu zeichnen, zeichnet er eine Amsel, vielleicht noch einen Spatz. Niemand würde einen Reiher oder einen Bussard zeichnen. Wenn man sagt „Du hast einen Vogel“, dann stellt sich niemand einen Pinguin vor. Das wird allerdings am Nordpool anders sein. Vermutlich aber haben die Inuit gar keinen ornithologischen Ausdruck für „verrückt sein“, sondern bezeichnen diesen Zustand ganz anders. Dafür haben sie über zehn verschiedene Ausdrücke für die Farbe Weiß und zwanzig für Schnee. Das heißt, ihre Welt sieht anders aus, als sie für uns aussieht.
Durch die Sprache verändert sich die Weltsicht. Das weiß jeder, der sich genauer mit einem Thema beschäftigt. Ist man leidenschaftlicher Koch, gibt es plötzlich nicht mehr „die Kartoffel“, sondern sie hört auf über 40 Namen. Sich mit einem Weinkenner über Rotwein zu unterhalten, das ist fast so, als spräche man mit einem Inuit übers Schlittenfahren. Und Kinder verabscheuen Grünkohl mit Pinkel oder Blutwurst, Sülze oder Grütze, allein weil die Gerichte so heißen, wie sie heißen. Ja selbst „Junge“ und „Mädchen“ sind keine Begriffe, die eins zu eins auf die Wirklichkeit passen, sondern diese für uns formen. Nachgewiesen ist, dass Eltern ihre Babys schon von der ersten Minute an je nach Geschlecht unterschiedlich behandeln, meist unbewusst. Wird das gleiche Kind einmal in Rosa (für Mädchen) und einmal in Blau (für Jungen) angezogen, bewegen die Eltern den „blauen Jungen“ heftiger als das „rosa Mädchen“, ihre Stimme ist weniger zärtlich, dafür tiefer, sie benutzen andere Worte, beschreiben das gleiche Kind in blau als stark und kräftig, in rosa als zart und süß.
Und wie ist es mit den Kassler Bergen? Würde ich entspannter dort entlang fahren, wenn sie „Norddeutsche Höhen“ hießen? Oder „Hügel des lustigen Fahrens“?