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sh:z vom 20.12.2008


Von Andrea Paluch

All inclusive ist eine feine Sache, meinen viele. Ich nicht. Über Essensqualität, Preis-Leistungsverhältnis, Service etc. will ich gar nicht klagen. Aber was mir fehlt ist das Einkaufen in fremden Ländern. Ich würde jederzeit zugeben, dass es sich dabei eher um die Illusion von fremden Ländern handelt. Denn der kleine Supermarkt hinter den Bettenburgen oder der Eisladen auf der Strandpromenade, sie sind sicher nicht das ursprüngliche Spanien, Griechenland oder die Türkei. Aber selbst diese Illusion reicht mir noch. Da riecht es nach fremdem Obst, da haben Waschpulver oder Schokoladenaufstrich interessante Untertitel und das Brot ist eine Erfahrung, die all die Anreisestrapazen rechtfertigt. Das alles geht einem beim Rundum-Service verloren. Und ein bisschen ist es dann so, als ob man sich selbst verloren geht. Beim Reisen trifft man sich selbst, trifft auf einen Menschen, der man war oder sein möchte. Einkaufen im Ausland ist die Nachbildung eines Alltags, den es nicht gibt, aber vielleicht hätte geben können. Besonders spannend sind die Weinprodukte im südeuropäischen Ausland. Auf einer Radtour rund um Bordeaux, vorbei an vielen Chateaus und Schlösschen mit üppigen Weinkellern oder Weinkeller-Schildern, auf einer Wanderung über die griechische Insel Santorini, die für sehr harte, süße Trauben bekannt ist und als eines der besten Anbaugebiete Griechenlands gilt, in der Toskana, in Spanien – wenn man den ganzen Tag an den Rebstöcken und Trauben vorbei gelaufen oder gestrampelt ist, ist es ein besonderes Verlangen, genau diesen Wein am Abend zu trinken. Allein, es handelte sich oft genug um exquisite Weinanbaugebiete und viel Geld für teuere Weine wollte ich nie aufbringen. In den Läden gab es aber meist aufgetürmte Flaschen an den Kassen, die mit „Produkt aus der Region“ oder ähnlichen Sprüchen beworben wurden und die nicht unter zweistelligen Europreisen ansetzten. Unschlüssig stand ich herum und wog Geld gegen Verlangen auf, als ein kleiner, sonnenverbrannter Bauer, wie ich tagsüber viele auf den Feldern, deren Trauben ich jetzt gekeltert kaufen wollte, gesehen hatte, sich an mir vorbei schob, eine leere anderthalb Liter Plastikflasche unter dem Arm. Er ging in die hinterste Ladenecke und hielt sie an einen Zapfhahn, füllte sie mit Rotwein, kam zurück und zahlte vielleicht zwei Euro. Ich fragte, was das für Wein sei. Und der Verkäufer zeigte auf die teuren Kassen-Flaschen und sagte „the same“. Ich füllte eine leere Wasserflasche mit losem Wein und obwohl man sich an den Plastikverschluss und an den Plastikhals der Flasche, als ich den ersten Schluck gleich vor der Tür nahm, erst gewöhnen musste, war es der leckerste Wein, den ich je getrunken hatte. Genau so lecker, wie die eigens für die Einheimischen abgefüllten Weine auf Santorini oder in der Toskana. Man kauft und trinkt eben stets die Geschichte mit. Und wenn man sich im Urlaub selbst begegnet, und wenn die Produkte des Einkaufs etwas mit einem möglichen anderen Leben zu tun haben, dann bin ich wohl selbst ein bisschen wie der Wein. Auch wenn die Umgebung nur Plastik ist, der Inhalt stimmt.