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sh:z vom 23.05.2009


Von Andrea Paluch

Über den engen Gassen der mittelalterlichen Stadt verdüsterte sich der Himmel. Die Fahnen hingen schlaff von den Häuserfassaden, als ob der Untergang ihrer Bewohner unmittelbar bevor stünde. Die Hunde verdrückten sich in die Ecken. Menschen hasteten unter die Unterstände, als die ersten Tropfen fielen. Das Grollen in der Ferne klang wie eine gewaltig heranrückende Heerschar. – Das ist nicht der Anfang eines Schauermärchens oder eines düsteren Jugendromans, sondern eine etwas überstilisierte Reiseerinnerung aus den Osterferien. Und auch wir hatten keine Lust, vom Gewitterguss übermannt zu werden und suchten eine Fluchtmöglichkeit. Den Bauch voller Eis und Cappuccino schieden die Restaurants aus. Und zum Auto war es zu weit, weil in den engen Gassen kein PKW-Verkehr zugelassen war (sehr löblich!) und alle Kraftfahrzeuge auf einem Parkplatz vor den uneinnehmbaren Mauern standen. Vor uns schaukelte eine einsame Laterne vor den großen Felsquadern eines alten, richtig alten, Torbogens. Wir liefen darauf zu. Der Torbogen hätte als Schutz vor dem Ungemach gereicht, aber als wir ihn erreichten, sahen wir, dass die Laterne keine Laterne war, sondern ein Gitterkäfig, in dem ein noch mit wenigen Hautfetzen und dünnen Haarbüscheln überzogenes Skelett hing. Darunter befand sich der Eingang zum Foltermuseum der Stadt. Der Eintritt war horrend und der pädagogische Nutzen mehr als zweifelhaft. Ich kämpfte darum, den Besuch zu verwehren. Aber da war das Gewitter und die irgendwie angestachelte, naja, eigentlich immer vorhandene Neugier meiner Männer auf Räuberpistolen. Und plötzlich argumentierten sie mit Filmen, die sie eigentlich auch noch nicht hätten sehen dürfen, für die ausgestellte Wirklichkeit der Museen. „Komm schon, das ist auch nicht schlimmer als Fluch der Karibik!“ Und also stiegen wir in den Folterkeller hinab. Das erste, was ich sagen kann, ist: Es wäre höchst angebracht, auch Museen mit Altersbeschränkungen zu versehen. Und damit meine ich nicht nur Erotik-Museen, sondern auch bildungsbürgerliche. Ich habe vor guten fünfzehn Jahren in der Hamburger Kunsthalle die Radierungen von Goya über den Spanischen Bürgerkrieg gesehen. Schon da wäre ein „Frei ab 18“ angebracht gewesen. Und hier wäre es das auch gewesen. Da standen sie, all die Folterwerkzeuge, mit denen Menschen sich Leid zugefügt hatten, die Körper zerlegten, langsam, Stück für Stück und immer darauf bedacht, dass der Tod möglichst spät eintrat und dass der Schmerz mit der Verletzung von Scham einher ging. Ich sagte: „Was immer Menschen sich zufügen können, das haben sie getan.“ Aber das stimmt nicht. Die Perfidie der Werkzeuge ging über alles hinaus, was man sich denken kann. Sie waren die Symbole einer kranken Gesellschaft. Und das zweite, was ich sage ist, dass solche Ausstellungen nicht neutral sein dürfen und darauf vertrauen, dass die Betrachter bestimmt erschauern, sondern dass sie moralisch ächten müssen, was sie zeigen. Da wird über das Verbot von Killerspielen geredet, aber die Schlachthäuser der Menschlichkeit nennen sich Museen. Die Bilder – einige von Goya waren dabei – leisteten am ehesten noch die Abschreckung. Die Texte kommentierten in einer wissenschaftlichen Neutralität, die mich zum ersten Mal wünschen ließ, dass das Englisch meiner Kinder schlecht war. Und das dritte, was ich sagen kann, ist: Erschreckender noch als die Tatsache, dass Menschen gefoltert haben, ist, dass sie es heute noch tun. Und mit „heute“ meine ich nicht den Zweiten Weltkrieg und die Verbrechen der Nazis, sondern die Gegenwart dieses Jahres.