Textversion

Suchen nach:

Allgemein:

Startseite

sh:z vom 02.05.2009


Von Andrea Paluch

In den Osterferien besuchten wir die Orte unserer gemeinsamen Vergangenheit. Das hatte nichts mit Wehmut oder Melancholie zu tun oder midlife-crisis oder Selbstvergewisserung. Es war, hoffe ich jedenfalls, Zufall. Da ist jene kleine Stadt auf Fünen in Dänemark, in der wir vor zehn Jahren ein gutes halbes Jahr lebten und unseren ersten Roman schrieben, auf deren Radwegen mein Mann mit dem Zwillings-Kinderwagen joggen war, wenn ich übermüdet vom Nachtstillen mittags einschlief, und auf deren Stegen wir Quallen und Krebse käschten und an deren Eisdielen wir unsere Kinder mit dem ersten Zucker vertraut machten. Da ist diese große Stadt am südlichen Rand Schleswig-Holsteins, in der wir fast sechs Jahre lebten und studierten, nicht zum ersten Mal zusammen wohnten, aber doch zum ersten Mal in dem sicheren Wissen, das das so bleiben sollte. Ihre Kneipen, ihre Parks, der gepflasterte Hof der Universität, auf dem so viele Schritte von uns liegen, der Dammtorbahnhof, von dem so viele Reisen ausgingen und der kleine Buchladen, vor dem wir uns immer getroffen haben, wenn wir abends noch ins Kino wollten. Und da ist jene kleine Stadt so richtig im Süden, nur etwas über Rom, in der wir uns zum ersten Mal küssten. Auslöser war eine unmögliche Verabredung – mein Mann und ich, wir studierten in Freiburg und saßen eines abends mit unserer Theatergruppe in einer Kneipe und gaben uns zwischen zwei Bieren die Hand, um zu besiegeln, dass der, der in den Pfingstferien nach Italien fuhr, dem anderen bescheid sagen müsse, damit er mitkommen könne. Und ich rief an, schon zu Besuch bei Freunden in der Schweiz. Und eine Nacht später kam da einer angetrampt, nur um mit mir weiter zu trampen. Wir schliefen in Gemüsegärten, ich machte Straßenmusik unter dem schiefen Turm, das Geld reichte für Brot und Wein – und die Küsse waren frei. Und jetzt waren wir in vierzehn Tagen an all diesen Orten wieder, vermehrt, zehn, fünfzehn, fast zwanzig Jahre später. Die Radwege in Dänemark, damals frisch asphaltiert, waren verfallen. Die Kita, in der unser ältester war, schon wieder renoviert, das Haus, in dem wir gelebt hatten, brauchte neues Reet. In Hamburg hat die Uni aufgerüstet, das Kino ist geschlossen und der kleine Bücherladen durch einen Buch-Discounter ersetzt, die S-Bahn-Station Hallerstraße, damals ein Einstieg in die Erde neben dem Fußballplatz, auf dem Uwe Seeler noch bolzte, sieht aus wie eine Raumstation und in Pisa ist der Turm noch weiter abgesackt, sind die Marmorquader wieder grau, sind die Gemüsegärten zu Neubausiedlungen geworden. Ich stand etwas ratlos vor den Plätzen meiner Erinnerung, den Orten, an denen mein Leben mein Leben wurde. Ich tauschte Blicke mit meinem Mann. Auch er suchte. Nur den Kindern war es egal. Sie nahmen die Welt, wie sie war. Für uns aber hatte sie sich verändert. Und das war die Entdeckung. Sie hatte sich verändert, nicht wir uns. Nicht ich mich. Sicher, ich bin älter geworden und vieles ist passiert – aber ich bin nicht so alt, wie die Städte geworden sind. Ich habe Falten, aber hier sind die Radwege verfallen, die Kinos geschlossen, die Kirchen kaputt. Meine Ratlosigkeit, sie kommt daher, dass ich dachte, an den Orten und Plätzen der Vergangenheit spiegelt man sein eigenes Leben und sieht seine Vergänglichkeit und stellt fest, wie viel Zeit vergangen ist. Aber es war genau umgekehrt. Die Orte spiegelten sich gewissermaßen in meinem Leben. Ich sah, wie alt sie geworden waren, wie abgegriffen und müde sie waren, während ich mich so fühlte, wie ich glaube, dass ich mich damals gefühlt habe. Im Angesicht der Erinnerung war ich jung, aber die Steine des Gedächtnisses, sie waren Grabplatten auf etwas Altem. Die Orte im Süden, sie waren nichts verglichen zum Süden meines Lebens.