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sh:z vom 24.07.2010


Von Andrea Paluch

Mathe hat mich immer so sehr fasziniert wie genervt. Nein, das stimmt nicht. Eigentlich hat es mich zuerst genervt und dann fasziniert. Erst als es wegen der vielen Lücken zu spät war habe ich geahnt, dass die Zahlen nur Symbole für einen anderen, höheren Zusammenhang sind und dass hinter dem Multiplizieren und dem kleinen Einmaleins, ja überhaupt hinter der Tatsache, dass es Zahlen gibt, eine größere Ordnung lauert. Und jetzt, wo kleine Männer um mich rum wieder vor der gleichen Stelle stehen, wo sie sich den Zusammenhang zwischen vier mal drei, zwei mal sechs, sechs mal zwei und vier mal drei wie ein unsichtbares Viereck vorstellen, wo sie sich Hilfskonstruktionen für die Neunerreihe bauen, also hinten eine Ziffer weniger, vorne eine Ziffer mehr, oder: Mit zehn multiplizieren und dann die Zahl, die man mit zehn multipliziert hat, wieder abziehen (8 x 9 = 8 x10-8…), da kommt die Erinnerung an den Verlust mit großer Macht wieder. Woran ich gescheitert bin, das sind die Textaufgaben gewesen. Ich schaffte es nicht, die abstrakten Zahlen in eine Lebenswirklichkeit zu übersetzen. Textaufgaben fragen ja danach, wie viele Äpfel man hat, wenn man mit so und so großer Geschwindigkeit gegen einen Apfelbaum fährt und jeder Apfel eine Krafteinwirkung von x braucht, um vom Baum zu fallen. Und ich dachte immer nur: Warum fährt man mit dem Auto gegen einen Apfelbaum? Was wird aus dem Baum und was aus dem Autofahrer?

Oder jene Textaufgabe, die ich Ihnen erzähle, weil Sie damit auf jeder Party glänzen können:
Denken Sie sich eine Zahl zwischen 1 und 10. Multiplizieren Sie sie mit neun. Bilden Sie die Quersumme (also die vordere und hintere Ziffer zusammenzählen). Subtrahieren Sie von der Quersumme die Zahl 5. Denken Sie sich zu der verbleibenden Zahl den entsprechenden Buchstaben im Alphabet. Suchen Sie zu dem Buchstaben ein Land, das nicht Ihr Heimatland ist, und eine Frucht. Und… - Aber in Dänemark gibt es keine Datteln!
(Natürlich hätten Sie auch Dominikanische Republik nehmen können und Durian – aber man nimmt wohl meist das Naheliegendste). Der Clou ist natürlich, dass die Quersumme jeder Zahl, die mit 9 multipliziert wird, immer 9 ist und deshalb der Buchstabe ganz zwangsläufig der vierte ist. Und so ist, was wie Gedankenlesen aussieht, die unsichtbare Verbindungslinie zwischen Zahlen. Eine kleine Zahlenmagie, eine magische Realität. So nehme ich das jetzt jedenfalls war. Und bei den Textaufgaben frage ich nicht mehr nach dem Sinn überhaupt, sondern erkenne in ihnen Probleme meines Lebens wieder. Nicht, dass ich mit einem Auto gegen einen Baum fahren wollte, aber die Berechnung von Zutaten für ein Rezept, der Energieverbrauch eines Hauses, die Kalorien für den Tagesbedarf, der CO2-Ausstoß bei höherer Geschwindigkeit, das sind alles Dinge und Fragen, über die ich tatsächlich manchmal nachdenke. Und man kann als Mutter seine Kinder ziemlich beeindrucken, wenn man die Geschwindigkeit von Licht und die Geschwindigkeit von Schall kennt und so die Entfernung eines Gewitters nicht nur erklären, sondern auch errechnen kann. Um Textaufgaben kapieren und lösen zu können, ja, um sie faszinierend zu finden, muss man Lebenserfahrung haben. Nicht, dass ich altklug klingen möchte, aber hätte mir jemand gesagt, nein, hätte ich gewusst, was das Leben mich alles lehren würde, ich hätte Mathe nicht aufgegeben.