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sh:z vom 17.07.2010


Von Andrea Paluch

Die Mitte fand ich immer doof. Mitte, das klingt nach mittig, nach Mittelmaß und Durchschnittlichkeit. Da gibt es all die weisen Sprüche, von Politikern zum Beispiel, „Wahlen werden in der Mitte gewonnen“ – und ich hab immer gedacht, vielleicht stimmt das so, aber vielleicht erklärt das auch, wieso alle so unzufrieden sind mit der Politik. Vielleicht erklärt dieses mittig-sein-wollen auch ihre Durchschnittlichkeit. Und die reicht eben nicht. Aber egal. Mir geht es gar nicht um Mitte-Politik, mir geht es um mich. Das klingt eitel. Aber erstmal ist es das nicht, jedenfalls nur in dem Maß, wie alles Nachdenken über sich eitel ist.

Ich begann diese Kolumnen vor drei Jahren (wenngleich mir die Zeit gar nicht so lang vorkommt). Und zweieinhalb Jahre lang stand sie am Ende des Wochenendjournals. Und irgendwie fühlte ich mich da sehr wohl. Am Ende zu sein, das klang schon wie „das Letzte zu sein“, das war nur ein Schritt vom Weglegen, das war der Rand. Am Rand und als Letzte hab ich mich immer bedeutend wohler gefühlt als in der Mitte. Und natürlich ist das Ende wie der Anfang, der privilegierte Platz in einer Zeitung. Ich weiß das deshalb, weil ich seit ein paar Wochen Post bekomme von Leuten, die es bedauern, dass ich keine Kolumnen mehr schreibe. Die Mitte ist irgendwie unsichtbarer. Ich bin sozusagen in die Mitte abgeschoben worden. Und das ist eine Merkwürdigkeit. Denn ist die Mitte nicht eigentlich sehr begehrt? Siehe oben die Politiker-Mitte. Aber ist nicht auch Mittelstürmer die klassische Traumposition im Fußball? Ist die Mitte einer Stadt, Berlin, Rom, London, nicht das Herz einer Metropole, der Ort, wo alle sein wollen? Ist die Mitte eines Films oder Romans nicht oft der Höhepunkt der Handlung (nicht der Spannung, die immer zum Ende hin zunimmt). Offensichtlich ist die Mitte in einer Zeitung aber eher untergeordnet. Die Nachrichten stehen am Anfang, das Fernseh-Programm am Ende – die Mitte, die hat Kultur und Regionales zu bieten. Nun bin ich in der Mitte angekommen. Und irgendwie ist der Gedanke auf eine ganz andere Art tröstlich, als ich dachte. In der Mitte ist man wohl etwas unscheinbarer, ist im übertragenen Sinn nicht so sehr im Mittelpunkt. Und deshalb ist man in der Mitte eigentlich eher Außenseiter. Das entspricht meinem Lebensgefühl. Frei nach Hölderlin befinde ich mich gerade in der Mitte meines Lebens. Unglaublich, denke ich, was schon hinter mir liegt. Mit meinem Mann lebe ich zum Beispiel schon länger zusammen als ich das mit meinen Eltern getan habe. All die Stadien meines Lebens, die Umzüge, Ängste, Extremsituationen, Glück und Trauer – und das war erst die Hälfte… So fühlt es sich gerade an: Ich werde jünger, nicht älter. Ich suche neue Aufgaben, neue Herausforderungen stellen sich. Die Kinder werden größer, die Freiräume mehr. Sie lesen sich abends allein in den Schlaf und schmieren sich ihre Butterbrote selbst. Ich denke über neue literarische Experimente nach und über musikalische Kollaborationen. Und über neue Kolumnen. Das ist nicht immer einfach. Manchmal hatte ich schon das Gefühl, vom Ende her gedacht, dass es auch bald mal gut ist. Aber in die Mitte gerückt und aus dem Focus, habe ich wieder die Randlage, die man braucht, die Dinge schräg zu sehen. Und man muss die Dinge schräg sehen, um über sie zu schreiben.