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sh:z vom 02.10.2010


Von Andrea Paluch

Die wahrscheinlich blumigsten sprachlichen Ausdrücke findet man nicht in Poesiealben, Liederbüchern oder Gedichtbänden, sondern in den Getränkekarten von Cocktail-Bars. In eine solche stolperte ich neulich, als ich zufällig in einer großen deutschen Stadt die Bettgehstunde verfehlte und mit meiner besten Freundin in lauter Schuppen landete, in die ich mich als Frau vom Land vermutlich gar nicht hinein getraut hätte. Grelles Licht, abgestoßene Polstersessel, Teppiche an der Wand und rammeldicke voll. Und Preise für die Getränke, dass einem der Durst glatt vergehen konnte. Allerdings geht es ja bei Cocktails selten um Durst, sondern um Genuss. Und der, ich kann es nicht verhindern, fängt bei mir mit dem Namen an.

Da gibt es die Cocktails mit den geschmacklosen Anspielungen: „B52“ – ein Cocktail, der „gebaut“ wird und heißt, wie die amerikanischen Langstreckenbomber u.a. im Vietnamkrieg. Er besteht aus Kaffeelikör, Cremelikör und Rum. Alle drei Zutaten werden so „gebaut“, dass sie sich nicht mischen.

„Bloody Mary“, bestehend aus Wodka und Tomatensaft, erinnert an die englischen Königin Maria I., die sich durch blutige Verfolgung der Protestanten auszeichnete.

Ob man „Sex on the Beach“ als geschmacklos bezeichnen kann, weiß ich nicht, aber trinken will ich so was eigentlich nicht. Woher der Name kommt, ist wohl klar und die Zusammensetzung ist ungefähr so beliebig wie der Name, allerdings stets fruchtig. Als meine Freundin den dritten Cocktail bestellte, konnte ich nicht mehr und bestellte einen alkoholfreien, der hieß dann „Safer Sex on the Beach“.

Dann gibt es die Cocktails, die in sich selbst den Klang von Fremdheit und Sehnsucht tragen und so die Sprache bereichern: Mojito (Minze, Rohrzucker, Soda, Eis), Margarita (Tequila, Limettensaft, Triple Sec) und vielleicht der bekannteste Cocktail der Welt: Piña Colada (Rum, Kokosnusscreme, Ananas).

Schließlich diejenigen, die selbst schon versuchen, ein poetisches Bild zu malen, wie Tequila Sunrise (Tequila, Orangensaft, Zitronensaft und Grenadine) oder Pink Lady (Gin, Apfelschnaps, Zitronensaft, Grenadine, Eiklar). Insgesamt liest sich eine Cocktailkarte wie ein Gedicht. „Cocktail“ selbst wiederum heißt Hahnenschwanz. Bekanntlich haben Hähne aber keinen Schwanz, sondern nur Schwanzfedern. So besagt eine Legende der Wortherkunft, dass nach einem Hahnenkampf den geschundenen Tieren auch noch die Schwanzfedern ausgerissen und ins Glas gesteckt wurden, mit dessen Umtrunk dann zwischen den Besitzern der Kampf beendet wurde. Mag so gewesen sein oder nicht – aber ich möchte etwas anderes hervorheben. Denn je ausgefallener die Namen, desto fader schmecken die Cocktails. Mein Safer Sex on the Beach schmeckte genauso wie sein alkoholischer Bruder. Und als wir die Bar verließen – wäre es nicht schon längst diese dunkle Winterjahreszeit, die sich fast unbemerkt wieder ins Jahr geschlichen hat, könnte ich jetzt schreiben, dass wir den „Sunrise“ erlebten - es war die Katerstunde der Nacht, der Verkehr der Partygäste war zu Ende und die Arbeitszeit hatte noch nicht angefangen, da hatte ich richtig Durst. So richtig! Und wenn man richtig Durst hat, dann will man kein Zuckerzeug mit klingendem Namen und auch keine Bloody Mary, dann kann man sich nichts Besseres vorstellen als ein großes Glas kaltes Wasser. Und das bekam ich, als wir endlich in der Wohnung meiner Freundin waren. Und es schmeckte klar und rein. Es war durchsichtig und hatte kein Gewürz, Salz, Pfeffer oder einen Papierschirm drin. Es war einfach Wasser. Und das war das Beste, was mir an diesem Abend passieren konnte. Das war die größte Poesie.