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sh:z vom 17.05.2008


Von Andrea Paluch

Als ich Mutter wurde, beschloss ich, mich zukünftig an einige Mottos zu halten. Zum Beispiel: keine Prüfungen mehr in meinem Leben. Das hing sicher eher mit dem Zeitpunkt meiner Mutterschaft zusammen als mit dem Mutterwerden selbst. Gerade hatte ich meine Magisterprüfung abgelegt, hatte Vokabeln gebüffelt, das Latinum nachgeholt, Systemtheorie und andere schwer aussprechbare Schriften intus. Und irgendwie war da das Gefühl, ab jetzt würde das Leben Prüfung genug sein, endlich, und andere, theoretische, brauchte ich nicht mehr. Bis zu diesem Jahr hat dieses Motto gehalten. Ich habe es ironischerweise aus Mutterliebe gebrochen, weil nämlich meine Jungs ihre Liebe zum Meer entdeckten und mein Mann sich strikt weigerte, seinen Mottos (was immer die sein mögen) untreu zu werden. Ich machte einen Sportbootführerschein. Mann-über-Bord-Manöver, Anlegen, Wenden…. das machte Freude auch bei rauer See und schlechtem Wetter. Aber was ist mit Fragen wie „Welches Gesetz und welche Verordnung enthalten neben der Seeschifffahrtsstraßen-Ordnung und der Schifffahrtsordnung Emsmündung Vorschriften über das Verhalten nach einem Zusammenstoß und bei sonstigen schaden- und gefahrdrohenden Vorkomnissen?“ oder „Was beinhaltet Absatz 1 der Grundregeln der Verordnung zu den Kollisionsverhütungsregeln (KVR), der Seeschifffahrtsstraßen-Ordnung (SeeSchStrO) und der Verordnung zur Einführung der Schifffahrtsordnung Emsmündung über das Verhalten im Verkehr?“. Und selbst Antworten auf einfache Fragen wie „Was ist eine Peilung?“ fielen im Schifffahrts-Kauderwelsch so aus: „Das Feststellen der Richtung eines bekannten feststehenden Objekts durch Winkelmessung um eine Standlinie zu erhalten, auf der sich das Schiff befindet.“ Das ist nicht lustig. Und plötzlich büffelte ich Worthülsen wie seit fünfzehn Jahren nicht mehr. Erstaunliche Erkenntnis, dass ich erstmal wieder lernen musste zu lernen und noch erstaunlichere Erkenntnis, dass es schließlich Spaß machte. Nicht unbedingt das Wissen und die Antworten auf die Fragen, aber das Wissen zu beherrschen, das war gutes, vergessenes und stolz machendes Gefühl. Vor allen Dingen aber gab es einen Retter, der die Theoriestunden zu einem Höhepunkt der Woche machte. Mein Lehrer, Kapitän von Beruf und begnadeter Seebär von Berufung. Ich weiß nicht, ob es ihm Recht ist, wenn ich seinen Namen erwähne, also tue ich es nicht und nenne ihn nur „mein Käpten“. Aber diese Kolumne ist für ihn und sein Denkmal. Denn mein Käpten kannte die unglaublichsten Geschichten, die spektakulärsten Anekdoten, ein Arsenal für Kolumnen bis zum nächsten Wintern und Wintergeschichten bis zum Sommer. Da wusste er zu erzählen, dass es bis zum Untergang der Titanic keine verbindliche Regelung für Seenotrettungssignale gab und als das Schiff unterging und seine Leuchtfeuer abschoss, wurde es sehr wohl von anderen Schiffen bemerkt, nur als rauschendes Fest samt Feuerwerk misinterpretiert. Und da ist die Geschichte vom Erfinder des Echolots, der auf dem Sankelmarker See seine zündende Idee hatte, sich später aber zum lupenreinen Nazi entwickelte und deshalb ohne Andenken blieb (ich habe seinen Namen vergessen und kann ihn auch nicht herausfinden - ich müsste wohl meinen Käpten fragen).
Jetzt wird es Sommer. Die langen Winterabende in der Baracke am Hafen erscheinen wie aus einer anderen Welt, wie Seemannsgarn, gesponnen von einem Lehrer, den ich mein Käpten nenne. Möge er immer eine handbreit Geschichten unter dem Lehrbuch haben.