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sh:z vom 12.12.2009


Von Andrea Paluch

In einigen Hotels gibt es Bücherborde neben der Rezeption. Wer geht, stellt seine ausgelesenen Bücher hinein, wer kommt, kann sich die langen, einsamen Nächte in den fremd gemachten Zimmern mit geliehener Lektüre vertreiben. Einige Hotels, in denen ich manchmal übernachte, sind regelrechte Literatenabsteigen. Oft haben sie Rahmenverträge mit Buchmessen oder Verlagen. Und dann stehen neben der Rezeption nicht die Taschenbücher aus der Bahnhofsbuchhandlung, sondern festgebundene, signierte Neuausgaben von Harry Rowohlt, Harry Mulisch oder Martin Walser. Ich stelle dann einen handsignierten Band „des neuen Paluch/ Habecks“ daneben und nehme mir im Tausch dafür ein Buch der Großkopfeten. Gelesen habe ich noch keines. Meist bin ich auch viel zu müde. Aber der Gedanke, meine Unterschrift gegen die eines der anderen getauscht zu haben, ist irgendwie kühn und auch etwas frech.

Wenn das System funktioniert, dann bleibt die Anzahl der Bücher halbwegs stabil. Vielleicht vergisst mal einer die Rückgabe oder eine stellt gleich zwei Bücher zurück. Aber unter dem Strich müsste die Rechnung halbwegs aufgehen. Bei Schallplatten scheint das anders zu sein. Ein Freund von mir hat eine Ferienwohnung. Und neben der erschütternden Einsicht in das menschliche Verhalten, dass nämlich Gäste, die wissen, dass sie die Endreinigung schon bezahlt haben, sich regelrecht säuisch benehmen, während solche, die die Endreinigung selbst machen oder über den Status der Endreinigungsbedingungen möglichst lange im Unklaren gelassen wurden, sich manierlich benehmen, neben dieser Einsicht also, erzählte er kürzlich, dass seine Schallplattensammlung, die er in der Ferienwohnung untergestellt hatte, stetig schrumpfen würde. Es sei nicht so, dass ein Gast einmal alle oder die Hälfte der Platten geraubt habe, vielmehr nehme jeder mal eine mit. Es überraschte ihn auch nicht sonderlich, es war noch nicht einmal eine Klage, es war eher eine Feststellung. Die Klage kam erst, als ich ihm von meinen Büchererfahrungen berichtete. Wie kommt es, dass Menschen LPs mitgehen lassen, Bücher aber nicht? Während ich das schreibe, läuft Asia mit dem Oldie „Heat of the Moment“ im Radio (irgendwer hat wohl den Sender verstellt). Diese Single hatte meine Schwester. Sie lief einen Sommer lang rauf und runter. Ich mochte sie schon damals nicht oder genauer: nach diesem Sommer mochte ich sie nicht mehr. Und heute Morgen habe ich in der Zeitung gelesen, dass die Simple Minds in Büsum spielen – Eintritt frei, kostenlos wie unsere Erinnerungen. Die nun waren tatsächlich die Helden meiner Kindheit, zusammen mit Tracy Chapman und U2, spätestens seit dem Live Aid Konzert 1985. Und irgendwo zwischen Asia und Simple Minds schlummert die Antwort auf das Problem meines Freundes. Ich glaube, es ist Nostalgie, die seine Gäste zum Einpacken der Platten geradezu zwingt. Vermutlich haben die wenigsten von ihnen überhaupt noch einen Plattenspieler zuhause. Aber die Erinnerung an Lieder, die einmal ihre Jugend bestimmten, an das Geräusch, wenn die Nadel kurz kratzt bevor die ersten Töne kommen, an den Geruch und den Schimmer von Vinyl, an das verliebt sein, Freundinnen oder Freunde, mit denen man damals tanzte, das alles muss unwiderstehlich sein. Wahrscheinlich verhindert die Unmittelbarkeit der Erinnerung es, die Platten zu kaufen, und macht Menschen stattdessen zu Dieben im Namen der Vergangenheit. Ich will das gar nicht rechtfertigen. Ich will nur meinen Freund trösten. Und jetzt krame ich meinen alten Plattenspieler raus und höre „The Joshua Tree“.