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sh:z vom 10.07.2010


Von Andrea Paluch

Zu den Dingen, die ich noch immer nicht vollständig begriffen habe, gehört, dass meine Kolumnen tatsächlich gelesen werden. Ich meine, Sie müssen sich das vorstellen. Da sitze ich alleine vor meinem Laptop, es ist 20.00 Uhr am Freitagabend, draußen lachen Kinder, wenn sie sich vom Trampolin schubsen, drinnen wärmen die älteren Männer den Fernseher vor, um torlose Fußballspiele zu gucken. Ich höre Vögel, die nach Würmern schreien und die Katze streicht um meine Beine und denkt sich wohl ihren Teil zu den Vögeln. Aber im Grunde bin ich allein, allein mit mir und meinen Gedanken und wenn ich schreibe, dann schreibe ich auch und vor allen Dingen an mich. Und vielleicht auch für mich. Kafka hat einmal gesagt: „Bücher, die uns glücklich machen, können wir zur Not auch selbst schreiben.“ Ich weiß nicht, ob er das wirklich gesagt hat, aber dieser Spruch hängt als Postkarte über dem Schreibtisch meines Mannes, seitdem ich ihn kenne. Sie ist schon ganz gelb und staubig. Und genau so fühlt sich das Schreiben an. Und dann hänge ich die Datei an eine Mail und schicke sie an den SHZ und dann erscheint sie mit leichter Zeitverzögerung am Wochenende. Dass jemand – dass Sie, verehrte Leserinnen und Leser - dann tatsächlich lesen, was ich geschrieben habe, das ist so richtig eigentlich nicht auf meinem Radarschirm. Und dass Sie sich dann auch noch über mich Gedanken machen, ist mehr, als ich mir vorstellen kann. Der SHZ hat eine Auflage von 200.000. Wenn nur 1% seiner Leserinnen meine Kolumne liest, dann wären das 2000. 2000 Leute, die mir sozusagen zuhören und sich meine Gedanken machen. Das ist mehr, als man fassen kann. Ich kann mir ja noch nicht mal vorstellen, dass die 5 Mitbewohner, mit denen ich Tisch und Garten teile, mir einmal zuhören…. Im Ernst. Neulich gab es ein merkwürdiges Zusammentreffen. Ich schrieb eine Kolumne über unseren Um-, genauer gesagt meinen Auszug und dass ich mit dem Haus, das wir verkaufen, auch ein Stück von mir verkaufe, weitergebe, zurücklasse. Und gleichzeitig wurde meine Kolumne von der letzten Seite in die Heftmitte geschoben. Und außerdem wurde mein Foto durch eine Zeichnung ersetzt (die meine WG übrigens nicht besonders mag, weil sie mich angeblich nicht trifft, nicht zuletzt deshalb, weil ich seit einem Jahr kurze Haare habe). Ein paar Menschen fanden die Kolumne nicht wieder. Jedenfalls sprachen mich oder schrieben mich noch einmal 1% von 2000 an, um mir zu sagen, dass es schade ist, dass die Kolumne nicht mehr erscheint. Von diesen 1% von 1% wiederum folgerten noch mal 50%, dass die Hauskolumne und das Verschwinden aus dem Heft nur eins bedeuten könnte: Ich habe mich von meiner Familie getrennt, mein Mann hat mich verlassen, ich habe ihn verlassen und das private Glück liegt in Trümmern. Wer aber ist dann der Mann nebenan, der mit den Kindern um die Wette brüllt, als müssten sie ihn in Afrika hören? Nein, die Kolumne ist nicht abgesetzt und mein Leben ist famos. Und dass wir umziehen hat etwas damit zu tun, dass das Leben gerade neu und anders wird. Und wenn das Leben neu und anders wird, dann soll man es teilen. Und teilt man es, dann verdoppelt man das Glück. Ich würde das nicht schreiben, wäre mir durch diesen Vorgang nicht klar geworden, dass Sie sich Gedanken über mich machen. Dafür danke ich. Aber: Kein Grund zur Sorge!