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sh:z vom 13.02.2010


Von Andrea Paluch

Das Kindergeburtstagsspiel heißt „Ich packe meinen Koffer“. Wer es nicht mehr kennt, es geht so: Einer beginnt und packt seine Zahnbürste ein – natürlich nicht in echt, sondern nur „gesagt“ – der nächste packt seinen Teddybären ein, muss aber die Zahnbürste wiederholen, der dritte sagt: „Ich packe meinen Koffer mit einer Zahnbürste, einem Teddybären und meinen Lockenwicklern…“ Und so weiter. Die Liste wird immer länger, bis einer Fehler macht und einen Gegenstand vergisst und dann ausscheidet. Steht man, wie ich, häufig in den Weihnachtsferien am Bahnhof und schaut zu, was die Leute für Koffer, Taschen und Gegenstände mit sich führen, muss man zwangsläufig an dieses Spiel denken. (Und denke ich an Spiele, denke ich gleich an Kolumnen). Mir fiel ein, wie unterschiedlich Menschen Koffer packen. Ich meine damit nicht nur Größe und Menge. Ich meine die Art des Packens. Und was sie über den Menschen sagt. Um bei mir selbst anzufangen: Nirgendwo ist mir Ordnung so wichtig wie beim Kofferpacken. Da gibt es Taschen und Klemmvorrichtungen für alles Mögliche – und ich nutze sie, packe die Kleinteile in die Fächer für Kleinteile, die Dokumente in die Dokumententasche und fixiere die Bügelwäsche, dass ich sie am Ankunftsort gleich anziehen kann. Es ist, wenn ich länger drüber nachdenke, nicht Ordnungswahn, sondern die Spielfreude des kleinen Mädchens, das seinen Koffer packt, wie es ein Puppenhaus bestellt. All die kleinen, von findigen Kofferbauingenieuren ausgetüftelten Fächer, sie zu nutzen macht schlicht Spaß. So weit zu mir. Ein mir nahe stehender Mitbewohner ist da ganz anders. Da ist erstens die Ordnung. Es gibt offensichtlich Menschen, die ihren Schreibtisch penibel aufräumen, für die jedoch eine vorgezeichnete Packordnung dem Aufruf gleich kommt, dagegen zu verstoßen. Für diese Menschen sind Packgummibänder, die Anzüge oder Hemden halten, die überflüssigsten Sicherheitsriemen, die je erdacht wurden (was sie vor gewisse Probleme stellt, wenn sie plötzlich einen Beruf ausüben, in denen gebügelte Hemden und knitterfreie Jacketts und Hosen mit Bügelfalten dazu gehören). Also schmeißen sie alles zusammen und pressen den Deckel drauf und brauchen deshalb eigentlich gar keine Koffer sondern nur große Sporttaschen (was sehr witzig aussieht, wenn sie tatsächlich mit den Sporttaschen ihrer Kinder über der Schulter durch die hohen Hallen von Parlamenten oder hochherrschaftlichen Empfängen stiefeln. Als ich betreffenden Mann kennen lernte, hatte er die Angewohnheit, immer nur mit einer Plastiktüte zu verreisen. Später wurde daraus immerhin ein Rucksack). Einige Menschen packen ordentlich und legen ihre T-Shirts so, dass die Jeans auf die gleiche Größe gefaltet werden können, weshalb sie mit deutlich kleineren Taschen zu Rande kommen. Das wiederum fordert die Chaos-Packer heraus, die offensichtlich nun noch weniger mitnehmen. Die Zahl der Unterhosen wird so hart durch kalkuliert, bis nur noch die sprichwörtliche Zahnbürste übrig bleibt. Spannend ist es, wenn Kinder erstmals anfangen, ihre eigenen Koffer zu packen. Da gibt es die, die auf Mode achten und lieber drei Pullover zur Auswahl dabei haben, die Tand und Schmuck mitnehmen und die Socken auf ihre Hosen abstimmen. Und da gibt es jene, denen alles egal ist, die dafür aber Unmengen von PSP-Spielen oder Büchern mitnehmen. Sie werden die späteren Chaospacker.

Aber auch bei denen ist das Packen so wenig ernst gemeint wie bei denen, die wie ich Freude an den Täschchen und Halterungen haben. Es ist, genau wie bei den anderen, ein Spiel und die Freude daran – die Kofferpackfreude, die diesmal nur andersherum lautet: Ich lasse mir doch nicht sagen, wie ich meinen Koffer zu packen habe. Und so stellt sich die Frage, was die größere Ernsthaftigkeit artikuliert: das scheinbar seriöse Packen oder das gewollte Verstoßen gegen die Seriosität.