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sh:z vom 01.11.2008


Von Andrea Paluch

Mitten in unserem Garten senkt sich der Boden ab. Das ist klar selbstverschuldet. Früher war an dieser Stelle ein Gartenteich. Als wir einzogen, war er völlig zugekrautet, muffte leicht und barg die Gefahr, dass unsere damals Minikleinen kopfüber ertranken.
Das Wasser abzulassen und dann eine schlickige, nach Kloake riechende, von fetten Fröschen behauste, nasse und schwere Teichfolie im Oktobernieselregen aus dem zwei Meter tiefen Loch des Teichs zu ziehen, gehört zu den Heldentaten, derer mein Mann sich heute noch rühmt. Es schien tatsächlich ein Stück Arbeit zu sein. Danach klaubte er die Frösche, die aus der Folie in die Matschgrube gekullert waren, aus ihrem mutmaßlichen Grab und begann, das Loch zuzuschütten. Es gab einen großen Aushub Erde, den wir aus unserem Haus heraus gekarrt hatten, um ein Fundament zu gießen. Aber so groß der Aushub, das Loch des Teichs war größer. Und außerdem gab es die vielen Wasserpflanzen, die nun neben dem Loch lagen, und die Bäume hatten alle ihr Laub abgeworfen und überhaupt lag alles voller organischen Resten. Als ich das nächste Mal vorbei schaute wurden nicht nur Erde, sondern auch Schilfstiele, Eschenblätter und Efeuranken in das Loch befördert. Auf meinen Hinweis, dass das alles stark zusammenfallen und uns der Boden unter den Füßen buchstäblich wegsacken würde, bekam ich eine komplizierte Rechnung zu hören, die mir erklären sollte, wie hoch man einen Berg über dem ehemaligen Teich anhäufen müsse, damit dann, nach dem Nachsacken, der geplante Rasen plan sei. Die Aussicht auf einen Rasen in diesem Trümmerfeld aus Matsch und Plane ließ mich verstummen. Und tatsächlich schien die Rechnung aufzugehen. Im ersten Jahr hatten wir eine Art Hünengrab im Garten, im zweiten nur noch eine kleine Schanze, im dritten war der Boden plan. Aber es kamen weitere Jahre. Und der Boden senkte sich weiter. Selbst nachträgliche Aufschüttungen versandeten, um metaphorisch zu sprechen.
Von einem Fehler wollte mein Mann allerdings nicht sprechen. Das tut er selten. Stattdessen versucht er aus einer missratenen Situation das Beste zu machen. Das tut er immer. Also legte er in der Mitte der Senke eine Feuerstelle an. Sehr romantisch und inzwischen auch fachmännisch, mit tiefer gelegtem Aschebecken und so. Hätte er den Teich so sorgfältig zugeschüttet….
Auch das ist jetzt drei Jahre her. Neulich saßen wir im Garten und nippten am Weißwein und er sagte: „Erstaunlich, wie sich die Kuhle verändert hat, nur weil es jetzt einen optischen Mittelpunkt gibt. Wie aus einem Fehler etwas Gutes wird.“ Tatsächlich ähnelt der ehemalige Teich inzwischen einem kleinen Amphitheater, es ist angenehm am Rand der leichten Senke zu sitzen, Stühle erübrigen sich beinah. „Darüber solltest du mal eine Kolumne schreiben“, sagte er.
„Dass du nicht auf mich hörst? Gern“, sagte ich.