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sh:z vom 08.12.2007


Von Andrea Paluch

Der meistzitierte Däne ist weder Prinz Hamlet noch der Philosoph Sören Kirkegaard, weder der Fußballer Brian Laudrup noch Königin Margarete II, nicht der Dichter H.C. Andersen oder die Sängerin Gitte Henning, der meistzitierte Däne heißt Koch und ist es auch. Sein Arbeitsplatz ist die Küche der Muppets-Show und sein Erkennungszeichen ist ein Lied, das auf deutsch Butterbrot, Butterbrot, tralalala heißt, auf dänisch „Smørebrød, Smørebrød, rømtømtømtøm“ (wobei, fehlerhaft synchronisiert, „Smørebrød“ nicht wie „Smörebröt“ ausgesprochen wird, sondern eher wie „Smörebröl“).
Fragt man Dänen, so sagen sie, die Schweden und Norweger saufen wie die Löcher (fragt man Schweden und Norweger, behaupten sie das gleiche von den Finnen, fragt man Finnen, erzählen sie von komatösen Kartoffelschnapserfahrungen in Russland). Fragt man Deutsche, in welchem Ausland am meisten Bier getrunken wird, so antworten sie Dänemark. Unklar ist allerdings, ob sie damit ihren eigenen Aufenthalt im Ferienhaus memorieren oder tatsächlich eine Einschätzung der Landesbevölkerung vornehmen. Vermutlich weder noch, vermutlich ist es die Sprache, bzw. der Sprachklang, bzw. das, was deutsche Ohren darin hören, bzw. das, was deutsche, durch die Muppets-Show verballhornte Ohren darin hören wollen. Dänen reden, als ob sie einen im Tee haben. Man kann Satzenden und Wortanfänge nicht erkennen, die Melodie steigt und fällt wie bei einem Kinderlied, fast scheint es, als wären alle Konsonanten auf der Zunge geschmolzen.
Der Linguist schaut dem Volk aufs Maul und bestätigt es: Die Aussprache des Dänischen ist sehr weich (weich heißt auf Dänisch „blød“ und wird ausgesprochen wie „blöl“, wie in „Smörebröl“) – im Gegensatz zur Schriftsprache. Die unterscheidet sich, im Gegensatz zur Aussprache, kaum vom Norwegischen oder Schwedischen, die aber – auch bei entsprechendem Alkoholkonsum – weit weniger „blöl“ sind. (Weshalb der dänische Koch in Dänemark auch „Der schwedische Koch“ heißt und sich die Dänen über sein rollendes „R“ scheckig lachen). Mischt man Englisch und einen beliebigen niederdeutschen Dialekt (also alle, die Appel statt Apfel, Hus statt Haus und Ik statt Ich sagen) und liest mit einer gewissen Unschärfenrelation, ergibt das Dänisch. Die dominanten Laute scheinen „Ö“ und „L“ zu sein, was zusammengesetzt „øl“ ergibt und auf Deutsch „Bier“ heißt.
Die dänische Schriftsprache ist ausgesprochen konservativ. Obwohl eine Rechtschreibreform bereits 1949 alle „ph“s, Dehnungs-Hs, Dehnungs-Es und die „V“-Zeichen für „F“-Laute tilgte und „Philosophie“ also auf Dänisch „filosofi“ heißt und „Vorsteher“ „forstander“, erinnert ihre schriftliche Form stark an die des Mittelhochdeutschen. Die Aussprache ist hingegen ausgesprochen fortschrittlich. Sie schleift die Bastionen des Konsonantismus. Das „D“ ist zu einem Lispellaut weggenuschelt (ähnlich wie im Englischen das th in the, ganz richtig heißt weich also eigentlich blöth), Endkonsonanten werden meist nicht mitgesprochen, b, d, g sind stimmlos.
Ich breche an dieser Stelle den Sprachkurs. Worauf es ankommt ist, dass unter einer sehr veränderlichen, progressiven und teilweise wie besoffen klingenden Aussprache eine konservative, beständige und bodenständige Schriftsprache ruht. In der Gegenwart und im ersten Moment scheint alles sehr augenzwinkernd, offen für Veränderungen, sehr modern, aber niemals verliert diese leichtfüßige Zungenfertigkeit ihre Herkunft aus den Augen.