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sh:z vom 12.01.2008


Von Andrea Paluch

„Die Terrakotta-Krieger sind nicht echt“. Diese Nachricht diskreditierte die Ausstellung des Hamburger Völkerkundemuseums. Das Museum bietet den bisherigen Besuchern, es sind über zehntausend, die Rückerstattung des Eintrittsgeldes an. Dabei waren alle Besucher mit der Ausstellung höchst zufrieden. Aug in Aug standen sie den Soldaten des Kaisers Qin Shihuangdi gegenüber, mit denen dieser vor 2300 Jahren sein Leben im Jenseits absicherte. Was ihm schließlich auch gelang, wenngleich nicht „mit“ seinen tönernen Soldaten, doch sehr wohl „durch“ sie. Denn die Kunstwerke repräsentieren seine Macht noch heute. Und offenbar gelingt es der Ausstellung, etwas vom Glanz dieser alten Kaiserzeit zurückzurufen in die Gegenwart. Und trotzdem ist sie ein Skandal, weil die Gegenstände im Museum nicht echt sind. Der Skandal hat seinen Grund offenbar nicht in der subjektiven Zufriedenheit der Besucher. Er hat seinen Grund offensichtlich nicht in der Güte der Ausstellung. Der einzige Grund, warum unechte Terrakotta-Krieger einen Skandal bedeuten, liegt in der Erwartungshaltung, die man mit dem Begriff Museum verbindet.
Vielleicht kennen Sie den Werbespott, in dem eine Reinigungsfachkraft eine total verdreckte Badewanne in einem Kunstmuseum schrubbt. Das Reinigungsmittel scheint Top zu sein, das Kunstwerk ist futsch. Aber was macht eine dreckige Badewanne zu einem Kunstwerk? Genau: das Museum. Der Ort und die Umstände bestimmen die Bedeutung von Gegenständen.
Vermutlich werden sie alle schon manchmal irritiert vor einer Zeichnerei oder einem großen blauen Quadrat gestanden und sich gefragt haben, warum um alles in der Welt das Kunst sein soll? Das ist keine Frage, die irgendwie naiv ist. Sie trifft den Kern der Kunst. Kunst verändert die Wahrnehmung. Dazu muss sie sich aus der alltäglichen Welt entfernen. Sie braucht einen anderen Raum, ein anderes Licht, eine bestimmte Stimmung. Kunst ist nicht „an sich“ Kunst, sondern bedeutungsvoll nur im Rahmen der Kunstwelt, innerhalb der sie sich positioniert.
Christoph Schlingensief inszenierte jüngst in Bayreuth eine andere Art Wagner-Oper mit Video-Installation und Unrat auf der Bühne. Es wurde als Kunst akzeptiert, weil man wusste, was von diesem Regisseur zu erwarten war. Die Erwartungshaltung wurde nicht enttäuscht, der Kontext machte klar: hier befindet man sich jenseits alltäglicher Bedeutungshaftigkeit.
Der Verleiher der Terrakotta-Krieger hatte dem Völkerkundemuseum „authentische Scherbenfiguren aus Originalmaterial“ angeboten und gab sich erstaunt, dass irgendwer in der Welt daraus schlussfolgern konnte, dass es sich um Originale handelte. Wenn man aber in einem Museum arbeitet, liest man das Angebot offensichtlich mit einer anderen Erwartungshaltung. Und wenn man in ein Museum geht, dann betritt man einen Raum in der Erwartung, dass alles echt ist, original und unverfälscht. Im Fall der chinesischen Krieger scheint sich die großartige Wirkung jedoch auch jenseits des Authentizitätsanspruchs zu entfalten. Aber es geht eben nicht um den Gegenstand, es geht um den Kontext, in dem er steht. Der Kontext macht die Kunst.