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sh:z vom 22.11.2008


Von Andrea Paluch

Im nächsten Jahr liegt das Ende meiner Schulzeit 20 Jahre zurück. Und was wurde sich nicht alles versprochen. Dass man sich immer schreiben wollte und vielleicht während Ausbildung und Studium zusammen ziehen. Und was wurde nicht alles erhofft: Die Abenteuer des Lebens. Reisen und Liebe. Rückblickend kommt mir das alles komisch vor und wenn ich an ein kommendes Wiedersehensfest denke, dann mit dem komischen, flauen Gefühl, das man hatte, wenn man eine gute Klassenarbeit wiederkam, bei der man geschummelt hatte.
Jedenfalls fallen mir nur noch 10% meiner Klassenkameraden mit Namen ein. Und gefehlt haben mir weder die, noch die fehlenden 90%. Dennoch bin ich seit kurzem Mitglied bei so einer Internet-Freundesliste. Und das Internet hat ja nun die eigenartige Bewandtnis, Möglichkeiten zu schaffen, deren Fehlen man vorher gar nicht bemerkte. Plötzlich bekomme ich digitale Post von Menschen, die mir irgendwie bekannt vorkommen. Denn Namen nicht mehr zu erinnern ist ja nicht das gleiche, wie sie noch nie gehört zu haben. Nur das Gesicht dazu fällt mir nicht immer ein. Und dass ich das Gesicht dann manchmal finde, ändert daran nichts. Da starren mich Männer an, die ich noch nie gesehen habe, weil ich sie zuletzt als Jungs sah. Einige sind dick geworden, anderen haben Glatze, die Frauen haben gefärbte Haare, welche mit natürlichem Grau gibt es kaum. Falten haben die meisten. Gesichter eben, die durch ein Leben gegangen sind. Manchmal gibt es einen, der mir bekannt vorkommt. Und plötzlich fällt mir ein, dass ich wegen ihm in der achten Klasse einmal geheult habe, weil er ein Fußballspiel meiner Liebe vorgezogen hat. Und dann das Mädchen aus der hinteren Reihe, die blöde Kuh, für die er dann jedes Fußballspiel aufgegeben hat. Und da sind noch weitere Paare. Aber eine schreibt in ihren Lebenslauf, dass sie 3 Kinder hat und geschieden ist. Ich suche den Jungen dazu, der damals so viele Pickel hatte. Jetzt hat er einen Zweitagebart. Ob er der Vater ist?
Als ich einer Freundin davon erzähle, sagt sie, dass sie schon seit ein paar Jahren regelmäßig die Namen ihrer Verflossenen im Internet sucht. „Goggelt“, wie sie sagt.
„Warum das denn?“, frage ich. „Das ist doch so, als ob man in alter Wäsche wühlt.“
„Naja“, antwortet sie, „ich glaub, es ist spannend, sich vorzustellen, ihr Leben hätte auch anders laufen können, wenn ich bei ihnen geblieben wäre.“ Oder dein Leben wäre anders gelaufen, denke ich. Aber ich sage es ihr nicht. Es wäre ja auch trivial. Aber der Gedanke bleibt. Die Nachträglichkeit als andere Geschichte des eigenen Lebens, das wäre ja so etwas wie eine magische Realität, ein doppelter Boden der Wirklichkeit. Lebende Menschen, die ich als Figuren meiner Geschichte ranholen oder aufrufen kann.
Am nächsten Abend setze ich mich an den Computer. Fast hat es etwas Heimliches. Nicht nur, weil ich in das Leben anderer reinschnüffle, sondern auch, weil ich mein eigenes verlasse. Und dann – fällt mir der Name meines ersten Freundes nicht ein. Nur sein Gesicht sehe ich noch vor mir. Aber ein Gesicht kann man nicht googeln. Und von dem italienischen Freund, den ich danach hatte, von dem weiß ich zwar noch den Namen, aber nicht, wie man ihn schreibt. Der nächste ergibt keine Treffer. Vielleicht hat er keinen Computer oder er lebt im Untergrund. Wer weiß. Und so tippe ich schließlich den Namen meines Mannes. Volltreffer.