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sh:z vom 27.12.2008


Von Andrea Paluch

Wahrscheinlich glauben es alle Eltern: ihre Kinder sind gefährdet. Die Einflüsse, speziell der Medien, ganz speziell der neuen Medien, sind gewaltig und können nicht wirklich gut sein. Als im Jahre 1748 der Briefroman „Clarissa“ von Samuel Richardson in England erschien, war das ein Skandal und es gab eine aufgeregte Debatte darüber, ob jetzt die jungen Mädchen verwahrlosten, weil sie nächtelang mit einem Buch unter der Bettdecke lagen und die Geschichte von der schrittweisen Zerstörung der schönen, intelligenten und tugendhaften Bürgerstochter Clarissa Harlowe lasen. Wer weiß, dass „Clarissa“ über eine Million Wörter umfasst und in etwa die Wirkung einer Schlaftablette hat, der würde sich heute nach diesen bildungsbürgerlichen Aussichten die Finger lecken. Kinder, die freiwillig lesen – und der bösen, bösen Welt der Orks und Pumpguns, der Action-Filme und PC-Spiele entgehen. Ich beschuldige mich gleicher Naivität aufgesessen zu sein. Lesen dürfen meine Kinder alles. Zumal, wenn es für ihre Altergruppe empfohlen ist. Während der Woche müssen sie irgendwann ins Bett, aber lesen dürfen sie immer noch. Ein guter pädagogischer Trick, dachte ich. Wenn sie fernsehen oder am Computer spielen, dann habe ich immer ein schlechtes Gewissen und bemühe mich zu kontrollieren, was sie da so an Bildern und Infos in ihren kleinen Köpfen abspeichern. Wenn sie lesen, lesen sie. Punkt. Aus. Gut. Bis mir neulich einer von einer Hirnoperation am lebenden Objekt berichtete. Ein Pirat wurde von einem Schrapnell getroffen. Aber dem Schiffsarzt gelang es, den Eisensplitter aus dem Schädelknochen herauszuziehen. Er schloss dann die Wunde mit einer Golddukate. Um sie aber einzusetzen, musste er noch ein Stückchen des Knochens aussägen. Ist ihnen noch nicht schlecht? Wie wäre es damit? Einem Piraten wurde das zerfetzte Bein abgenommen. Vier andere Piraten mussten ihn festhalten, dann konnte der Schiffszimmermann seine Säge ansetzen und erst die Haut und die losen Muskelstränge durchsägen – ritsch-ratsch – dann den Knochen. Die Sehnen und Bänder labberten aus dem offenen Bein heraus. All das stand nicht in einem Buch mit Horrorgeschichten frei ab 18, sondern in einem handlichen, kleinen Taschenbuch, gelesen abends unter der Bedecke, kurz vor dem Einschlafen. Ich gebe natürlich zu, dass all dies live im Kino noch bei weitem schauriger wäre. Und vielleicht bin ich auch etwas dünn besaitet. Und schließlich, warum sollen Neunjährige nicht wissen, dass man als Pirat mit seinem Leben und seiner Gesundheit spielte und dass ihre blöden Ballereien und Schwertkämpfe zu Amputationen und Hirn-OPs führen konnten, die man seinem schlimmsten Feind nicht wünscht? Dennoch war es ein Schock, als mir klar wurde, wie blind ich der didaktischen Kraft der Literatur vertraut habe. Die Wahrheit ist: Auch in Büchern erleben Kinder (und Erwachsene) eine eigene Welt. Manchmal erleben sie sogar die wirkliche Welt. Und es ist keineswegs sicher, dass die Einflüsse von Büchern geringer oder besser sind als die des Fernsehens. Vielleicht sind sie sogar intensiver. Ich gebe zu, ich hätte es wissen können: 2004 beschrieb ich in einem Roman auf den ersten Seiten die Geburt eines Kalbes. Weil es sich mit dem Huf verhakte, fing der Farmer an, auf die Mutterkuh einzupeitschen. Das fanden selbst enge Freunde und Verwandte so fürchterlich, dass sie sich bis heute weigern, diesen Roman überhaupt zu lesen. Eine falsche Entscheidung. Aber meinen Kindern würde ich ihn gern noch eine Weile vorenthalten.