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sh:z vom 28.02.2009


Von Andrea Paluch

Zwei Dinge passierten neulich gleichzeitig. Ich bereitete mich auf einen Workshop zu Bertolt Brecht vor, den ich demnächst gebe und las dabei von seiner Jugendfreundschaft zu dem Boxer und mehrfachen deutschen Meister Paul Samson-Körner. Dass Brecht mehrfach über Boxen geschrieben hat, fand ich irgendwie kurios. Und als ich dann die Schreibtischlampe ausknipste und nach Spuren noch nicht schlafenden Lebens im Haus suchte, fand ich den ältesten meiner Männer vor dem Fernseher eine Boxübertragung gucken. Erstaunt stellte ich mich dazu und sah eine Weile zu. Es war nicht besonders lustig. Der eine hatte ein zerschlagenes Auge und der andere schien nicht mehr ganz bei Sinnen zu sein. „Wer von denen ist Henry Maske?“, fragte ich. „Eins zu null für dich“, sagte er und knipste den Fernseher aus. Ich erzählte von Brecht. Er wusste das schon und sagte, er hätte neulich gelesen, dass James Joyce und Arno Schmidt 1930 gegeneinander geboxt hätten. James Joyce ist einer der von mir am meisten verehrten Schriftsteller, dessen Literatur voller Anspielungen steckt und mit einem leisen Witz arbeitet. Das gleiche würden vermutlich viele über Arno Schmidt sagen, den ich aber nie wirklich gelesen habe. Dessen Buch „Zettels Traum“, eine Variation des Sommernachtstraums, hat ungefähr die Ausmaße eines mittleren Plasmabildschirms und das Gewicht einer schweren Hantel. Er schrieb, nun sagen wir mal, Freistil. Kostprobe aus seinem Boxbericht in Zettels Traum: “Er blies die Bakkn so fürchterlich auf,/daß P lauthals lachDe; und ihm zu=rief):"Schlukkn Se erstma den Eenn runter ! --"/(Worauf Jener Ihm die rothaarije Faust zu=ballerte :!" Dass Schmidt und Joyce beide Boxer waren, wusste ich nicht. „Gibt’s auch Schriftsteller, die Boxen nicht mögen?“, fragte ich. „Ernest Hemingway…“, setzte er an. Und ich unterbrach: „Hemingway wusste ich auch. Aber der fand auch Stierkampf und Hochseeangeln gut und die Stierhatz in Pamplona.“ Und während ich redete dämmerte mir, dass Schriftsteller, die Boxen nicht mögen, es vermutlich nicht zugeben würden, denn offensichtlich gehört es zu einer bestimmten Vorstellung vom Schreiben. Einer männlichen Vorstellung möchte ich hinzufügen. Literatur soll ungestüm sein und irgendwie wild. Dafür aber braucht es eine gute Technik und auch Training. Jetzt fällt mir ein, dass auch ich schon mal gehört habe, wie ein mir nahe stehender Schriftsteller von sich sagte, er habe gerade ein Kapitel weggehauen. Und dass man sich durch ein Buch kämpft, das sagen sogar diejenigen die es lesen. Aber es ist mehr als nur die Metaphorik, die Schriftsteller Boxen mögen lässt, es ist die Weltwahrnehmung: Als einsames Genie, nur auf sich allein gestellt, einer feindlichen Welt gegenüber. Und die Schläge, die man einsteckt, die kann kein Mensch nachfühlen, weil Schmerz immer individuell ist. Ich halte das für Stilisierung und für eine Schutzbehauptung. Literatur ist bei weitem weniger einsam und eher ein Mannschaftssport als Boxen. Kreativität entsteht durch einen Austausch, nicht durchs Einstecken. Aber an jenem Abend wollte ich mich nicht verkämpfen. Am nächsten Morgen aber las ich die Geschichte des Boxkampfes zwischen Joyce und dem deutschen Talent Schmidt nach. Joyce gewann – obwohl schon Ende vierzig gegen den 30 Jahre jüngeren Schmidt. Joyce hatte keine Ahnung gegen wen er da kämpfte, Schmidt aber wollte damals schon Schriftsteller werden. Später bewunderte er seinen Bezwinger und Joyce gewann großen Einfluss auf ihn. Vielleicht ja wegen der Niederlage, die er einstecken musste. Manchen Männern muss man Literatur wohl buchstäblich einprügeln.