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sh:z vom 27.03.2010


Von Andrea Paluch

Meine Kinder sind schuld. Nein, nicht dass sie was angestellt hätten. Sie sind nur älter geworden. Und statt auf Spielplätzen mit Schaukeln und Sandkisten warte ich jetzt meist in Elektro-Supermärkten auf Sie. Das hat den Vorteil, dass man warme Füße hat und den Nachteil, dass man zwischen blinkenden Handys, ratternden Spielprothesen und Raumschiff-Geräuschen ausstoßenden Bildschirmen steht. Insgesamt finde ich kalte Füße deutlich angenehmer.

Aber ich musste noch warten und bummelte durch die Regale. Von den Computern zu den Spielkonsolen zu den Fotoapparaten zu den Küchengeräten und schließlich zu den Kaffeemaschinen. Mir ist zwar nicht entgangen, dass hier und da und um mich herum Menschen sich solche Kaffee-Höllenmaschinen angeschafft haben, mit denen man alles kann, Milchschäumen, Espresso, Latte Macchiato oder Cappuccino kochen. Und auch in den Dauerwerbesendungen auf den privaten Programmen habe ich schon Werbung dafür gesehen, auch sehr gute und lustige, wie die mit George Clooney, der von Gott sein Leben im Tausch gegen einen Kaffeeautomaten wieder bekommt, aber mir war nicht klar – mal abgesehen von den astronomischen Preisen – welch ein Kult um diese Dinger betrieben wird und, um es vorweg zu nehmen, wie sehr die Kultur des Kaffeekochens unser Leben beeinflusst.

Kleiner historischer Ausflug: Was mir die Kinder waren einem abessinischen Hirten um 900 nach Christus die Ziegen. Er lebte in der Region Kaffa. Den ganzen Tag musste er auf sie aufpassen. Und dann wollten einige Tiere abends einfach keine Ruhe geben, sprangen umher und wurden nicht müde. Sie hatten, so berichtet eine alte Quelle, von einem Strauch mit roten Früchten gefressen. Der Hirte erzählte das den Mönchen eines nahen Klosters und diese probierten gleich die Wirkung an sich aus und konnten daraufhin bis in die Nacht reden und beten (und was immer Mönche sonst noch tun). Die Hirten wiederum aßen die Früchte wie Kirschen und spuckten sie angewidert ins Feuer. Woraufhin die roh ungenießbaren Bohnen einen herzhaft-rauchigen Geruch verströmten. Kaffee wurde geröstet. Im 14. Jahrhundert brachten Sklavenhändler den Kaffee nach Arabien und um 1600 gelangte er nach Europa und wurde von einer Aufputschdroge zu einem Genussmittel, das erheblichen Umsatz brachte. So versuchte zum Beispiel Preußen ein staatliches Kaffeemonopol durchzusetzen und stellte ehemalige französische Soldaten ein, die die illegale Kaffeerösterein durch ihren Geruchssinn aufspüren sollten.

Ich war vor einigen Jahren in der Hamburger Speicherstadt und in dem Museum dort. Man konnte nacherleben, wie es früher in dem Hafen nach Gewürzen und Kaffee gerochen haben musste. Und in Lüneburg kaufte ich ab und zu in einer kleinen privaten Kaffeerösterei ein, weil es einfach so unwiderstehlich gut roch. Was ich sagen will: Kaffee ist etwas Überkommenes. Und das geht für mich im Schnelldurchlauf hochglänzender Höllenmaschinen flöten. Das Einschaufeln von Pulver in einen Filter oder das Zudrehen einer einfachen italienischen Espressomaschine, die am besten auf einem Gasherd steht, das Aufschäumen von Milch mit der Hand, entweder mit einem Schneebesen oder in einem Pumptopf, Überkleckern auf die Herdplatte eingeschlossen, das gehörte zur Geschichte der letzten Kaffeejahrzehnte. Und die warme Tasse in der Hand, der erste Schluck am Morgen. Irgendwie finde ich, Genuss muss erarbeitet werden. Ich bin eine ewig Gestrige.