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sh:z vom 04.09.2010


Von Andrea Paluch


Die Daten sind schnell genannt. Das heißt, so schnell nun auch wieder nicht. Dafür kreuzten zu viele bekannte Männer ihren Weg. Oder genauer gesagt: Sie kreuzte den Weg zu vieler Geistesgrößen. Freud, Rilke, Nietzsche sind die Bekanntesten.

Lou Andreas-Salomé wurde 1861 in Sankt Petersburg geboren und starb 1937. Sie war eine Schriftstellerin und ich habe vor 15 Jahren alles über Sie gelesen und gesammelt, was ich finden konnte. Dann habe ich sie wieder vergessen. Der Aktenordner mit den vielen alten Kopien fiel mir kürzlich wieder in die Hände. Endlich habe ich mich von ihm getrennt, die vielen Kopien als Schmierpapier den Kindern vermacht, den Ordner benutze ich jetzt, um Garantiebelege zu sammeln.

Damals ging es mir darum, das Eigene, das Besondere der Lou herauszufinden. Und sie von all den Geschichten um die Männer zu befreien. Dazu muss ich sie schnell erzählen. Da ist vor allem dieses Foto von ihr auf einer Karre, die die beiden Philosophen Friedrich Nietzsche und Paul Rée ziehen, wie zwei Ochsen. Lou hat eine Peitsche in der Hand. Beide Männer waren, heute würde man wohl sagen, scharf auf Lou, beide wollten sie heiraten, beide – befreundet trotz allem – bekamen von ihr einen Korb. Lou wollte eine intellektuelle Dreieinigkeit. Die aber war unmöglich und scheiterte an der Eifersucht der Männer. Ihre Spuren sind in Nietzsches Werk „Also sprach Zarathustra“ allgegenwärtig. Dort rät eine alte Frau: „Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!“. Lou heiratete dann den Orientalisten Friedrich Carl Andreas, nachdem der vor ihren Augen einen Selbstmordversuch unternommen hatte. Allerdings stellte sie eine ungewöhnliche Bedingung für ihre Ehe: Sie sollte nie sexuell vollzogen werden. Beziehungen hatte Lou allerdings einige. Ihr Leben teilte sich in eine bürgerliche Existenz und eine der Lebenskünstlerin, Schriftstellerin, in der sie in den intellektuellen Zirkeln Berlins verkehrte, dort Knut Hamsun, Frank Wedekind, Gerhard Hauptmann oder Erich Mühsam traf und die moralischen Normen der Zeit sprengte. Sie war 36, als sie den 21jährigen Rainer Maria Rilke kennenlernte – und beide verliebten sich einander und lebten diese Liebe auch. Rilke schrieb zu dieser Zeit allerdings noch eher pathetische Gedichte. Lou kritisierte ihn dafür und zwang ihn, an sich zu arbeiten. Mit Siegmund Freund dagegen hatte sie jedoch, nach allem was man weiß, eine rein akademische, wissensmäßige Beziehung. Sie war seine Schülerin und gleichzeitig auch Impulsgeberin für die beginnende Psychoanalyse. Was für eine Frau und was für ein Leben - das empfand ich schon damals so und empfinde ich jetzt erneut. Für so viele Männer war sie Schicksal und gleichzeitig waren die Männer auch ihres. Denn ohne Frage, wirkungsmächtigere Freunde als Nietzsche, Rilke, Freud konnte man damals kaum haben und jeder Vergleich des eigenen Schaffens fällt vor deren Werken ungünstig aus. Und so erinnert man sich ihrer vor allem wegen der Männer und nicht wegen ihres eigenen Schaffens. Ihre Texte zeichnen sich übrigens dadurch aus, dass sie eine selbstbewusste weibliche Identität entwerfen. Vielleicht ist auch das der Grund dafür, dass sie sich im Literaturkanon nicht durchsetzen konnte. Diese Schublade gab es damals noch nicht.