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sh:z vom 18.04.2009


Von Andrea Paluch

Noch heute gehören „The Police“ zu meinen favorisierten Bands und das Album „Synchronicity“ ist eine meiner Lieblingsscheiben. Und ihr Sänger, Sting, ist auch solo großartig. Als Schülerin hing über meinem Bett ein Poster von „The Police“. Sting trug eine schwarz-gelb gestreifte enge Hose. (Er heißt, so geht die Mär, übrigens Sting, also Stachel, weil er stets diese bienenartigen Beinkleider trug). Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es eine Röhrenjeans war, in meiner Erinnerung war es eine Leggins. Und ich wusste schon damals nicht so recht, was ich davon halten sollte. Männer in Leggins? Im Pop-Rock war das vielleicht noch Trend. „Kiss“ zum Beispiel trugen sie ja auch. Aber die waren eh in mehr als einer Hinsicht gewöhnungsbedürftig. Ich weiß auch noch, wie verwundert ich war, als – es muss so zehn Jahre her sein – die Joggingmode für Männer auf Leggins umgestellt wurde. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich mich bis heute noch nicht daran gewöhnt. Meine Jungs, selbst die ganz kleinen, erklären mir, dass Unterhosen nicht zu eng sitzen dürfen bei Männern und weigern sich mit einer penetranten Hartnäckigkeit im Winter lange Unterhosen anzuziehen. Und die Erkenntnis, die irgendwann zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr reifte, dass Mütter auch männliche Kleinkinder in Strumpfhosen stopfen – wie Mädchen! – gehört vermutlich zu den ganz frühen ödipalen Komplexen eines jeden Jungmannes. Seit der Robin Hood Persiflage „Helden in Strumpfhosen“ hat der älteste meiner Männer noch nicht mal in der Eishalle seine im hintersten Winkel der Kommode vor sich hin rottenden Langbeinkleider wieder aktiviert. Und die Asterix- und Obelix-Verfilmungen kriegen nur einen Filmstern, weil die Gallier, immerhin Krieger, darin aussehen wie in einem Arobic-Kurs.
Und jetzt das: Die Zeitungen vermelden, Männer müssen in diesem Frühjahr Leggins tragen, um en vogue zu sein. Das wird sicher lustig, wenn sich diese Mode tatsächlich durchsetzt. Auf Fettpölsterchen oder Bierbäuche nehme Leggins ja keine Rücksicht. So, wie es in den Achtzigern bei Frauen Mode war, sollen nach den Skizzen des Givenchy-Designer-Stars Riccardo Tisci (was heißt hier Star, nie zuvor von ihm gehört) Männer die Leggins nicht nur so, also wie beim Sport, tragen, sondern unter einer kurzen Hose oder einem langen Pullover. Ich denke an meine Jungs. Nein, nicht an ihre Klagen über einen zu engen Schnitt im Schritt, sondern an ein Buch über den Dreißigjährigen Krieg, das gerade die Runde macht und das die Landsknechte zeigt – in Leggins, die die Männlichkeit zusätzlich auspolstern. Dann schon lieber kurze Hosen. Eigentlich wollte ich diese Kolumne mit dem Gedanken enden lassen, dass es den Männern nur recht geschieht, wenn sie nun über Problemzonen und Bauch-Beine-Po nachdenken müssen, statt sich in weiten Anzügen zu verstecken. So etwas wie ausgleichende modische Gerechtigkeit. Aber jetzt frage ich mich, ob ich nicht einem Vorurteil aufsitze und ein Vorurteil weiter schreibe. Es lautet: Leggins machen Männer weiblich. Ich denke an Sting. Ich denke an die Landsknechte. Richtiger wäre es wahrscheinlich zu sagen, alles bewegt sich in Zyklen. Vergangenes kommt wieder. Gerade in der Mode vermutlich. Und deshalb ändere ich jetzt das Ende und freue mich auf die ersten Politiker mit Leggins im Bundestag (Frau Merkel trägt ja auch Anzüge – oder jedenfalls so etwas Ähnliches), auf Thomas Gottschalk in einer Sting-Hose und ich bin gespannt, ob sich das Schulterpolster wieder durchsetzt oder doch die etwas vorzeitlichere Variante der Polstermode.