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sh:z vom 19.01.2008


Von Andrea Paluch

Diese Kolumne behandelt ein heikles Thema. Besser gesagt, eine heikle Beziehung. Eines der letzten großen unerforschten Geheimnisse der Menschheit: Wie lesen Männer? Nicht zu verwechseln mit der Frage: „Was lesen Männer?“. Die ließe sich unter Umständen anhand von Bestsellerlisten und Publikumsbefragungen beantworten. Oder auch viel weniger umständlich, nämlich: Männer lesen, was Frauen ihnen schenken. Aber darum geht es mir hier nicht, obwohl bekannt ist, dass nahezu 100% der verkauften Bücher von Frauen gekauft werden, von Frauen die Brigitte lesen oder Elke Heidenreich sehen, weshalb für den Verkauf eines Buches relativ egal ist, was die Literaturkritiker (Männer meist) des Hochfeuilletons sagen und weshalb die Verlage alles daran setzen, Bücher mit Titeln und Umschlägen auszustatten, die möglichst Journal tauglich sind. Ein elendes Lied könnte ich davon singen. Aber darum geht es wie gesagt nicht. Es geht darum, wie Männer lesen. Ich brauchte drei Anläufe, um diese Kolumne zu schreiben. Hier sind sie. Nummer eins: Vielleicht war alles meine Schuld. Hätte ich nicht den Plan geschmiedet, unseren Schuppen zu einem Party- und Übungsraum schalldicht auszubauen, hätte mein Mann vielleicht die Weihnachtstage nicht mit Vorschlaghammer und Spitzhacke verbracht, um den alten Fußboden aus dem Schuppen heraus und in Container hinein zu stemmen, sondern sich mit seinen Söhnen und einem guten Buch unter den Tannenbaum gesetzt. So aber las er abends am Küchentisch, eine Flasche Bier in den schwieligen Maurerhänden. Er las ein Buch, das simpel und blutig erzählt ist. Und er las gierig. Er las, als würde er noch immer auf Betonplatten eindreschen….
Nummer zwei: Wie Sie vielleicht wissen, schreiben mein Mann und ich gemeinsam Bücher. Auf Lesungen werden wir regelmäßig gefragt, wie wir das machen. Da es hier nicht zum Thema passt, werde ich es jetzt nicht erzählen. Vielleicht ein andermal. Einmal, als unser erstes Buch gerade erschienen war, haben wir einer Reporterin voll Übermut geantwortet, dass mein Mann die Sätze mit männlichem Subjekt und aktiver Verbform formuliert, ich die Sätze mit weiblichem Subjekt und im Passiv. Wir lachten. Als wir unseren Witz kurz darauf als Information in der Zeitung lasen, begriffen wir, dass Ironie in der Öffentlichkeit nicht funktioniert. Offenbar nahm die Reporterin an, dass der Satz eine Wahrheit ausdrückte. Männer sind nicht nur männlich und aktiv, sie schreiben auch so. Aber wie lesen Männer?
Nummer drei: Vielleicht kennen Sie das, dass sie ein Buch an den Ort erinnert, an dem sie es gelesen haben, den Urlaub, die Insel, den Strand. Ich kann nicht beschwören, dass es immer zutrifft, aber ich habe beobachtet, dass Frauen häufig Bücher lesen, die just an dem Orten spielen, an dem sie sich gerade aufhalten. In Venedig Donna Leon, in Dänemark Peter Høeg und Mallorcaromane auf der beliebtesten Urlaubsinsel der Deutschen. Männer hingegen lesen im Urlaub irgendetwas. Meist das Weihnachtsgeschenk von ihrer Frau, das bereits seit einem halben Jahr auf dem Nachtisch wartet. „Muss ja mal….“, auf den Lippen oder zumindest im Kopf. Das könnte bedeuten: Frauen suchen aktiv Leseerfahrungen, am besten in Korrespondenz zur eigenen Lebenswirklichkeit. Männer lesen aus einer gewissen Passivität heraus, quasi ihrer eigenen Faulheit zum Trotz.
Ich habe keinen der Anfänge weiter geschrieben. Dennoch scheinen sie mir alle auf das gleiche hinaus zu laufen: Männer lesen anders.