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sh:z vom 21.08.2010


Von Andrea Paluch

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Nicht immer weiß ich am Anfang einer Kolumne, wie sie endet. Das heißt, ich weiß es schon, wenn ich anfange zu schreiben. Ich habe einen Plan, eine Idee und eine Hand voll Formulierungen im Kopf. Aber oft führt mich dann das Verfolgen einer Idee auf eine ganz andere Fährte. Das ist, wenn man es genau betrachtet, ein ziemlich spannender Vorgang. Denn was ist eine Idee? Offenbar ist sie nichts Fix und Fertiges, sie ist etwas, das sich im Denkprozess verändert, etwas, das wird, nicht etwas, das ist. Das ist weniger banal als es klingt. In der Philosophie ist die „Idee“ das Absolute, eine Art Urbild, das dann in der Sprache oder in der Wirklichkeit seine mehr oder weniger vollkommene Umsetzung findet. Die „Idee vom Menschen“, die „Idee von Gott“, die „Idee von Kirche, Politik, Vaterland“ – die Idee war immer über jeden Zweifel erhaben. Nur die Wirklichkeit war weit weniger gut, edel, perfekt, schön, groß, was auch immer. Aber das war natürlich die Schuld der Wirklichkeit, nicht der Idee. Na ja, meine kleine Kolumnenerfahrung sagt mir anderes. Eine Idee entsteht bei der Beschäftigung mit der Wirklichkeit. Heinrich von Kleist nannte das „die allmähliche der Gedanken beim Reden“ oder „die Idee kommt beim Reden“. Ganz so ist es bei mir nun auch wieder nicht. Das klingt nach planlosem Drauflosfabulieren. Aber dass sich die Idee beim Schreiben verändert, das ist so. Jedenfalls bei mir. Und ich bin heilfroh, dass es so ist. Würde man immer ganz genau wissen, welche Werke aus seinen Taten folgen, das Leben und Schreiben wäre bedeutend langweiliger.

Eine der letzten Kolumnen sollte eigentlich diese hier werden: Ich habe den ältesten meiner männlichen Mitbewohner mit einer Hand voll Freunde beim Umzug beobachtet. Und mir fielen ein paar lange an ihm nicht gesehene, im Grunde unbekannte Wesenszüge auf. Oder vielleicht habe ich ihn nur länger nicht in einer Männergruppe gesehen oder insgesamt gesehen zu wenig Vorstellungskraft, wie Männer sind, wenn sie in einer Gruppe arbeiten. Vor allen Dingen aber glaube ich, bestimmte Tätigkeiten, Umzüge gehören dazu, teilen die Geschlechter, stellen so etwas wie Männlichkeit oder Weiblichkeit erst her oder diesen Unterschied drastisch heraus. Von den Sprüchen bis zur Überschätzung der Kräfte, vom Elan bis zur totalen Verausgabung. Darüber nun wollte ich schreiben – schon in der letzten Kolumne. Und sie geriet mir unter der Hand zu einer Kolumne über die Sprache, über männliches und weibliches Formulieren und über Finnegans Wake. Und in dieser Kolumne nehme ich nun den zweiten Anlauf und will endlich über Männer, die Umzüge machen, schreiben. Und ich wollte kurz, sozusagen als Witz, damit beginnen, dass dies nun schon der zweite Anlauf ist. Und schwups wurde es eine Kolumne über die „Idee“ und die Verfertigung der Idee beim Schreiben von Kolumnen. Wie binde ich nun beides zusammen? Ich weiß. Ich schreibe über die Idee des Umzugs. Nun klar, die klassische Idee des Umzugs ist es, Möbel, Kisten und Bücher von A nach B zu transportieren. Aber das wäre von oben auf die Sache schauen. Männerschweiß und klaffende Wunden im Unterarm, wenn der Geschirrspüler abrutscht, große Lastwagen fahren und mit Freunden über große Lastwagen reden, planloses Zusammenschmeißen von Restgegenständen im Haushalt, rückenversehrte Männer, die mein Klavier die Treppe hoch tragen, fluchen, „Absetzen absetzen“ rufen, Frauen für den Kaffee loben - aus Freunden werden Kumpel. Nein, die Idee des Umzugs ist nicht philosophisch. Die Idee ist, dass Männer ihn machen und sich wie Männer benehmen.