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sh:z vom 30.05.2009


Von Andrea Paluch

Manchmal bewirken Schimpfworte ja das Gegenteil. Als Amerika im Jahr 2003 den Irakkrieg anzettelte und einige europäische Länder sich weigerten mitzutun, prägte der damalige Verteidigungsminister Amerikas, Donald Rumsfeld, den Begriff vom „Old Europe“, das nicht in der Gegenwart der Politik angekommen sei. Die politische Einladung, darauf zu entgegnen und mal kurz zu fragen, ob die tollen Neuerungen denn die Welt zu einer besseren gemacht haben, verkneif ich mir hier. Aber der Begriff „Old Europe“, „altes Europa“, wirkte identitätsstiftend. Seitdem fühle ich mich noch mehr als Europäerin als zuvor – weil Europa etwas altes ist, weil es vernarbt ist, unsäglich viel Blut in seinen Boden vergossen wurde und weil es vielleicht in der Lage ist, daraus eine Lehre zu ziehen. Aber auch diesen politischen Abschweif verkneife ich mir. Das alte Europa, das ist tatsächlich alt. Und für mich ist es geprägt von dem Aufbau neuer Zivilisationen, dass heißt Formen des Gemeinwesens, auf den Trümmern der alten. Und die größte Magie des Alten erlebe ich da, wo sich die Natur und die Menschen im Bau von Zivilisation vereinen. Für mich gibt es drei magische Orte vor allen anderen, die genau das spüren lassen: Venedig, Santorini und Pisa. Venedig ist auf Wasser gebaut und liegt bald unter dem Wasserspiegel, wenn die Gletscher weiter so schnell schmelzen. Große Tore sollen es schützen, nachhaltiger Klimaschutz wäre wohl besser – aber auch das verkneife ich mir. Aber die Erhabenheit des Markus-Platzes und der Gassen, sie rührt auch daher, dass diese Stadt eigentlich gar nicht mehr da sein dürfte und es dennoch ist. Santorini ist eine Vulkaninsel in Griechenland, die vor vielen tausend Jahren in die Luft flog. Einige Forscher meinen in ihr das sagenhafte Atlantis erkennen zu können. Heute liegen um die Abbruchkante des alten Vulkankegels wie Zuckerwürfel hingestreut die weißen Häuser, Restaurants, Kioske. Und wenn man sich hier abends bei Sonnenuntergang ein Bier gönnt und die horrenden Preise bezahlt, dann weiß man buchstäblich, zu welchen Kosten das Leben auf einer einsamen, weg gesprengten Insel möglich ist. Schließlich Pisa, wo alle guten Geschichten meines Lebens begannen. Der Taxifahrer rät mir, nicht länger als einen Tag hier zu verbringen und missachtet damit unwissentlich meine Begeisterung. Im Gegensatz zu ihm darf ich ja auch aussteigen und sehe dies: Der weiße Marmor des Doms in der Nacht und der schiefe Turm, der sich über den Rasen neigt und den die Menschen entgegen jeder Logik immer weiter gebaut haben, obwohl der Boden unter seinen Füßen schon längst nachgegeben hatte. Der schiefe Turm symbolisiert für mich den Widerspruch, der das alte Europa ist: Die Vergänglichkeit auf Dauer zu stellen. Das ist das geheime Wissen der Kunst und es ist eine super Antwort auf Donald Rumsfelds Vorwurf, die ich mir nicht verkneife: Neues zu machen ist keine Kunst und eigentlich auch gar nicht schwer. Aber das Alte und im Fall von Wasser, Feuer und Erde das Älteste, die Elemente der Erde umzuformen und ihr anzuverwandeln, das war schon früher ganz dicht dran an Mythos und Geheimwissen und dieses Geheimnis kann man heute noch spüren an den magischen Orten Europas.