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sh:z vom 17.10.2009


Von Andrea Paluch


Max und Moritz legen Zeugnis davon ab, dass Maikäfer mal in größeren Mengen verfügbar waren. Und die Sage geht, dass es noch in der Kindheit meiner Eltern von Maikäfern nur so wimmelte. Und Bis auf zwei, drei Sommer – es muss Ende der Siebziger gewesen sein, in denen es ein paar Maikäfer gab und wir anfingen sie zu tauschen wie unsere Eltern: Bäcker, Schornsteinfeger usw. - habe ich selten bis nie wieder welche gesehen, obwohl DDT doch schon längst verboten ist. Meine Kinder kennen Maikäfer gar nicht (außer aus dem Schlaflied). Dafür haben wir früher mit Marienkäfern gespielt. Sie waren nicht nur die kleinere, auch die niedlichere Variante. Wir ließen sie über braune Unterarme krabbeln, gaben ihnen Namen, bauten ihnen Gehege und sortierten sie nach Alter. Jeder Punkt war angeblich ein Jahr. Das schreibe ich hier nicht einfach so aus dem blauen Himmel. Ich habe das kürzlich meinen Kindern erzählt, wie meine Eltern mir von den Maikäfern erzählten. Doch haben sich in diesem Sommer 2009 die Verhältnisse umgekehrt. Meine Eltern erzählten mir von ihren Käfern mit dem Gestus des „tja, früher, als es noch heile Natur gab“ (dabei hat ihre Generation im Wesentlichen dazu beigetragen, dass es sie nicht mehr gibt). Dieses Jahr hieß es eher: „Marienkäfer? Voll eklig!“ Und in der Tat, in diesem Sommer herrschte kein Mangel an den Viechern. Überall waren sie, wie eine Plage. Krochen übers Essen und summten in den Ohren wie Fliegen. Einige schienen sogar zu beißen, jedenfalls beklagten sich Kinder und Großmütter plötzlich über verspritztes Gift. Irgendwomit müssen sie ja tatsächlich Blattläuse töten. Das war übrigens anno dazumal die vornehmste Existenzbegründung für die Krabbeltiere. Läuse sind schädlich, wer sie vertilgt gilt per se als nobel. Als wir in der vierten Klasse einmal einen vorzeitlichen Jutebeutel ausgehändigt bekamen und ihn besticken sollten, stickte ich ihn voller Marienkäfer. Und fluchte wie verrückt, weil die Punkte und Füße mich den letzten Nerv kosteten. Immerhin bekam ich darauf eine Eins. Aber als wir neulich an einem dänischen Strand saßen und ich mit den Zehen im Sand spielte, der irgendwie grobkörnig war, und ich genau hinschaute und sah, dass ich meine Füße in einer Bank voll verendeter, wohl angespülter Marienkäferkadaver hatte, konnte ich mich diesem Ausspruch nur anschließen. Myriaden an Käfern verwesten, hatten einen eigenen Friedhof gebildet, gleich hinter dem Tang.
Ich habe gelesen, dass die Käferinvasion tatsächlich eine echte Invasion ist und dass diese Gattung nicht diejenige der Käfer meiner Kindheit ist. Sie kommt aus Asien und wurde über die USA, wo sie zur biologischen Schädlingsbekämpfung benutz wurde, eingeschleppt. Und deshalb drängt sich die Frage auf: Wo sind die Marienkäfer meiner Kindheit? Wurden sie verdrängt, wie Homo sapiens den Neandertaler verdrängte? Gab es einen Krieg zwischen Marienkäfern, so, wie man es bei der Biene Maya gelernt hat? Wespen oder Bienen oder Hornissen sind zu so was ja auch im Stande. Leisten also die Marienkäfer meiner Kindheit den Maikäfern der Kindheit meiner Eltern Gesellschaft in den ewigen Käferjagdgründen? Das kann alles sein oder auch nicht. Aber eine Wahrheit ist, dass Niedlichkeit und Wertschätzung durch Masse zerstört wird. Die Natur ist eben auch nur eine Form von Angebot und Nachfrage. Und Marienkäfer offensichtlich die Abwrackprämie des Tierreichs.