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sh:z vom 29.11.2008


Von Andrea Paluch

Okay, die Finanzkrise. Ich werde sie in dieser Kolumne auch nicht lösen können. Und schon gar nicht heilen oder Konten absichern. Aber von einem Gespräch kann ich berichten. Es wurde am Abend geführt, Wein stand auf dem Tisch, Kerzen brannten und es begann damit, dass mein Gegenüber irgend eine Statistik gelesen hatte, dass Mann und Frau, sobald sie Eltern sind, nur noch zehn Minuten am Tag miteinander reden. „Guten Morgen, Schatz“ und „Gute Nacht!“ sind darin eingeschlossen.
Also redeten wir über die Bankenkrise, um die Statistik zu widerlegen.
„Wie fängt es an? Menschen und Banken leihen sich Geld.“
„Das sollte man immer tun. Geben ist seliger denn Nehmen. Es ist eine Tugend.“
„Sie nehmen dafür Zinsen.“
„Das ist keine Tugend mehr, menschlich ist es wohl doch.“
„Im Mittelalter waren Zinsen verboten. Das war Wucher.“
„Aber normalerweise haben wachsende Zinsen ja auch einen wachsenden Gegenwert. Stecke ich das Geld in eine Autofabrik und baue dann Autos, habe ich das Geld gewinnbringend angelegt.“
„Aber wenn man im letzten Sommer alle Werte auf der ganzen Welt zusammengerechnet hätte und alle wirklichen Werte, Grundstücke, Häuser, Fabriken, Autos, dem gegenübergestellt, dann hätte einem doch auffallen können, dass da etwas nicht stimmt. Dass wir – die Menschheit – zwar behaupten, dass wir so oder so reich sind, tatsächlich jedoch nur mit Spielgeld handeln. Oder anders ausgedrückt, dass wir der Welt tief verschuldet sind.“
„Ärgerlich ist, dass der Rücktausch dieser Spielgeldwährung in reales Kapital so reibungslos funktioniert. Wenn ein Manager das virtuelle Vermögen seines Unternehmens verdreifacht, dann holt er sich einen dreifachen Millionenbetrag – und kann es umtauschen in echte Autos, Häuser, Immobilien.“
„Erinnerst Du dich, dass wir die Kinder früher damit glücklich machen konnten, ihnen einen Euro in hundert Cent-Stücke zu wechseln. Plötzlich, dachten Sie, wären sie sehr reich geworden, denn sie hatten ja ganz viel Geld. Genau so haben die Banken gehandelt.“
„Bei Kindern ist das niedlich. Bei Banken nur noch doof, oder?“
„Meine Marx-Lektüre liegt ja schon etwas zurück. Aber was ich erinnere ist: Er unterscheidet zwischen Geld und Kapital, was nicht dasselbe ist. Geld muss erst in Kapital umgewandelt werden, sozusagen von der Münze zu einem Anspruch, zu einer Forderung, zu einer Aktie oder einer Schuld. Kapital arbeitet. Geld arbeitet nicht.“
„Du hast Marx gelesen?“
„Tut mir Leid.“
„Ich würde sagen, die Arbeiter arbeiten. Dann hätte man auch wieder einen klaren Gegenwert.“
„Aber kaum einen Gewinn. Die Arbeiter würden nur immer das bekommen, was ihre Arbeit wert ist.“
„Fair genug, oder?“
„Nicht, wenn ihre Arbeit wenig wert ist. Deshalb brauchte man im Mittelalter keine Zinsen. Da blieb, wer arm war, arm. Ob man genug zu essen hatte, hing vom Wetter oder Boden ab oder vom Fürst, der einem alles wegnahm.“
„Willst Du sagen, dass es Börsenspekulanten und Hedge-Fonds gibt, weil arme Arbeiter reich werden wollen…“
„Karl Marx sagt…“
„Und was sagst Du?“
„Ich sage, dass beide Unrecht haben, Marx und die Hedge-Fonds. Sie streiten nach der gleichen Logik des Immermehr.“
„Stritten. Jetzt sind sie beide tot. Marx schon lange. Hedge-Fonds erst seit ein paar Wochen. Mögen sie in Frieden ruhen.“
„Aber ein Gutes haben sie doch.“
„Nämlich?“
„Man kann gut darüber reden. Und das dauert länger als 10 Minuten. Wenn das nicht gewinnbringend ist.“