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sh:z vom 03.04.2010


Von Andrea Paluch

Es war nicht mein erster Ball. Aber es fühlte sich so an. Und die Bälle davor liegen lang zurück, Abtanzball, Abi-Ball, in einer Zeit, als ich noch Mädchen war und nicht Frau, als „sich schön machen“ noch Lebensinhalt war und nicht Pflicht. Dazwischen gab es Feten, Partys, Geburtstage und manchmal auch Hochzeiten, zu denen man sich in Schale warf. Aber das war immer spielerisch und deshalb vertraut. Aber kürzlich machte das erwachsene Leben, meint: das repräsentative, etwas-darstellen-wollende, sich-ein-Abendkleid-anschaffende Leben, Ernst und ich fuhr zu meinem ersten Ball. Ich weiß ja nicht, wie viele Frauen diesen Artikel lesen, die das täglich machen, aber ich habe mir noch nie zuvor eine Stunde lang das Gesicht geschminkt. Und nicht nur das Ende. Zuvor musste ich mir eine Handtasche besorgen, eine Puderdose, einen Schminkspiegel für die Handtasche etc. pp. Und dann stellte sich noch die Frage aller Fragen: Was ziehe ich an? Dabei passierte etwas Merkwürdiges, das ich nicht verheimlichen will. Dieses Sich-Schick-Machen machte plötzlich Spaß und entfaltete einen Sog. Ich fand eine andere in mir und auf eine Art, die ich eigentlich gar nicht bei mir vermutet hätte, fand ich die Vorbereitung und das sich Verkleiden spannend. Ich fand ein cooles second Hand Kleid, silberdurchwirkt, vierzig Jahre alt und jetzt wieder in Mode, von dem ich sicher sein konnte, dass keine andere Schönheit es an diesem Abend an hatte. Und dann hatte ich ja eine Ball-Begleitung (faktisch war ich es, die die Ballbegleitung begleitete), die (eigentlich: der, denn es handelte sich um den Mann an meiner Seite) es immer wieder schafft, den vermeintlich wichtigen Dingen den Zacken aus der Krone zu brechen.

Ich in meiner Abendkleidschönheit sammelte ihn auf halber Strecke nach einer Veranstaltung ein. Dann verkrümelte er sich auf die Rückbank, robbte sich aus seinen Klamotten und zog sich Hemd und Smoking während der Fahrt an, während ich vor dem Spiegel meine Pirouetten gedreht hatte. Und dann fehlten die Manschettenknöpfe und er rief noch fix einen Freund an, ob der ihm am Eingang welche zuwerfen könnte. Das tat der auch – Manschettenknöpfe mit Totenköpfen.

Und dann waren wir da, flanierten zwischen Fackeln über einen roten Teppich und wurden empfangen und begrüßt und gehandschüttelt. Und wir flanierten zwischen lauter Damen und Herren und es wurde Walzer gespielt und Samba und später am Abend auch Amy Winehouse. Aber mir taten die Füße vom Flanieren auf hohen Hacken schon so weh, dass ich nicht mehr tanzen konnte. Und es gab Essen in einem Übermaß, dass einem der Appetit verging.

Aber damit hatte ich halb gerechnet, halb hatte ich es befürchtet. Worüber ich nachdenke seit diesem Abend, ist die Frage, ob diese komische Schizophrenie, die sich bei mir einstellte, einerseits Teil des Balls zu sein und andererseits irgendwie auch nicht dazu zu gehören, nicht bei allen Gästen da war. Kann natürlich sein, dass ich mit den falschen gesprochen habe. Aber die, mit denen ich sprach, die sagten so was wie „einmal im Jahr kann man das ja mal machen“, oder „zuhause ist es auch nett“, oder „das Abendkleid nervt und die Schuhe sind eng“. Das wirft große Fragen auf: Kann es sein, dass wir alle, ganze Gesellschaften, nur so tun, als seien wir glücklich und machten das, was wir wollen, während eigentlich etwas ganz anderes in unseren Köpfen vorgeht? Das ist deshalb so schwer zu beantworten, weil ich selbst ja zu denen gehörte, die dieses Ball-Spiel mitspielte und was weiß ich, wie viele mich sahen und dachten: Hey, die da in dem Silberkleid, die hat sich aber schön gemacht und genießt den Abend bestimmt.