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sh:z vom 19.06.2010


Von Andrea Paluch

Innerhalb einer Woche habe ich zwei Museen besucht. Eines in Ostfriesland, eines auf Kreta. Eines im Nieselregen, das andere unter einem ewigblauen Himmel. Um mit dem nieseligen anzufangen: es hieß „Museum der Armut“ und zeigte das auch. Noch bis in die siebziger Jahre lebten die Menschen dort in Hütten, die gut auch im 17. Jahrhundert hätten stehen können – oder 2000 Jahre vor Christus. Die Wände waren aus Stroh, mit Lehm verschmiert, die Böden nur gestampft, Fenster gab es nicht. Die Feuerstelle im Haus ohne Schornstein, nur ein Loch im Strohdach entließ den Torfqualm, Ziegen und Schwein im gleichen Raum. Ihr Geld verdienten die Leute dort als Torfstecher, bzw. sie verdienten eben keines. Ursprung der Armut war eine politische Entscheidung Friedrich II. von Preußen, des alten Fritz‘. Der nämlich entwarf für die Torfmoorgegend einen Erlass, wonach die Siedler in diesem Gebiet die ersten fünf Jahre pachtfrei leben durften. Danach, so der Plan, hätten sie das Land entwässert und urbar gemacht und würden Pacht zahlen können. Aber die Siedler, die ein Stückchen Unabhängigkeit wollten, hatten keine Ahnung vom Torfabbau. Und für die Entwässerung des Bodens hätte es staatliche Unterstützung gebraucht, wenigstens Anleitung. Gab es aber nicht, so dass dort systematisch Almosenempfänger herangezogen wurden (nur dass es, wie viele Briefe belegen, keine Almosen von Preußens Gnaden gab).

Der Palast Knossos auf Kreta hat nicht nur einen Raum wie die Lehmhütten in Moordorf, sondern 1200, verteilt auf mehrere Geschosse. Der Palast war das reale Vorbild für den Mythos vom Gefängnis des Minotaurus, denn den Festlandgriechen mussten diese Räume wie ein Labyrinth vorkommen (mir ging es genau so). Und da in Knossos Stierspiele stattfanden – glaubt man den Fresken, sprangen barbusige Frauen im Handstandüberschlag über einen Stier – war auch das Vorbild für den Minotaurus geschaffen, dem man Jungfrauen zum Fraß vorwarf. Knossos wurde etwa 2000 v. Chr. gebaut, als Ostfriesland oder die ganze norddeutsche Ebene, ach, was sage ich, ganz Resteuropa weder Schrift noch Kenntnis vom Bauen hatte. Ausgeklügelte Be- und Entwässerungsanlagen versorgten den Palast. Ich sah ein Rohr, kaum anders als die heutigen Abwasserrohre. Die politische Weitsicht der Minoer war das Gegenteil der Kurzsicht vom alten Fritz. Und in weiser Voraussicht hatten die Bewohner von Knossos ihren Palast nicht direkt ans Wasser gebaut. Allerdings überstieg die hereinbrechende Katastrophe ihre Vorstellungskraft. Denn als der Vulkan der Nachbarinsel Santorini ausbrach, wahrscheinlich ist dieser Vulkanausbruch das Vorbild für die Geschichte von der Sintflut wie tatsächlicher Auslöser für die zehn Plagen Ägyptens (erst verdunkelte sich der Himmel, dann gab es Ernteausfälle, dann Heuschreckenplagen, weil es nicht genug Vögel gab, sie zu vertilgen….), als der Santorini-Vulkan also ausbrach, da erwischte der Tsunami, den er auslöste, Maus und Mann und alle Stierspringerinnen aus Knossos und beendete diese Hochkultur. Nur der Mythos blieb. Moordorf dagegen hat keinen Mythos, dauerte aber bis in die Gegenwart fort. Was drei Umstände klar macht: Erstens – der Santorini-Vulkan hat Ostfriesland nicht überschwemmt. Sein Tsunami blieb im Mittelmeer. Zweitens – Mythen und Sagen gibt es nur über Reichtum und Größe. Drittens – Reichtum und Größe vergeht. Aber Armut ist namenlos und deshalb besteht sie fort bis in alle Ewigkeit.