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sh:z vom 19.04.2008


Von Andrea Paluch

Stress gibt es im Moment interfamiliär besonders mit meinem Großen (nein, nicht mit meinem Mann, der ist zwar größer als mein Ältester, aber benimmt sich halbwegs pfleglich). Meine Söhne aber zanken sich im Moment permanent und das liegt nach meiner mütterlichen Beobachtung daran, dass mein Ältester stets und ständig widerspricht (nicht mir, im Gegenteil, mit mir redet er zunehmend erwachsener). Sagt einer „Bayern München ist Rekordmeister“, kommentiert er postwendend: „Nee“. Sagt einer „Die sechste Stunde fällt morgen aus“, ist die Antwort: „Nee“. Und behauptet gar einer, im Radio hätten sie Sonne angesagt, ist der Kommentar: „Nee“. Stets und ständig Widerspruch. Und der fordert mein Einmischen heraus und ich mische mich ein und weise ihn zurecht und Ratzfatz haben alle schlechte Laune. Bis mich mein Jüngster neulich aufgeklärt hat. „Nee“ würde nicht „nein“ bedeuten, wie ich offensichtlich glaubte, sondern so was wie „echt“, „wirklich“, „ist ja `n Ding“. Das wurde von allen anwesenden Söhnen bestätigt und mir die Grundlage für mütterliche Autorität seit gefühlten fünf Monaten entzogen. Mein Zurechtweisen, mein Schimpfen, meine Drohungen – alles für die Katz.
Weiterhin führten meine Kinder aus, dass sie sich mitnichten streiten würden, auch wenn sich das für mich so anhöre, sondern unterhalten. Und gewisse Kraftausdrücke, die vor allen Dingen meinen Mann regelmäßig auf die Palme bringen, sind eher freundschaftlich gemeint. Kurzum: Wir, die Eltern, würden sie, die Kinder, einfach nicht verstehen. Sprache verändert sich offenbar. Nicht nur entstehen Worte neu – Flatrate, LAN-Party, surfen, simsen, downloaden, Lohas, Blog – auch veralten alte. Welches Kind versteht heute noch „jemanden an der Strippe haben“? Oder welcher Zug macht heute noch „Tsch-tsch-tsch“? Züge summen heute elegant und leise. Und was ein „Pfennigfuchser“ ist, wird schon deshalb bald niemand mehr verstehen, weil es den Pfennig nicht mehr gibt. „Knorke“ oder „dufte“ heißen heute „voll krass“ oder „mega“. Der Duden hat in seiner neusten Ausgabe Worte wie „beleibzüchtigen“ oder „Selbstwählferndienst gestrichen – selbst die Belesensten der Älteren werden diese Worte kaum je benutzt haben. Unter dem Strich aber wächst die Sprache. Und sie wächst nicht nur an Worten, sondern verändert auch ihre Betonung. Ich weiß nicht genau, wann es anfing, aber seit ein paar Jahren sagen viele Menschen „buchhalterisch“ mit langem „e“ und Betonung auf der dritten Silbe. Als ich Kind war, wurde das Wort noch mit Betonung auf der ersten Silbe und kurzem „e“ gesprochen. Und offenbar heißt „nee“ heute nicht nur „wirklich“, sondern man geht auch mit der Stimme nach unten, statt sie zur Frage anzuheben, was der Unterhaltung in meinen Ohren einen extrem nöligen Klang gibt und noch dazu missverständlich ist.
Aber schon immer haben sich Generationen über die Erfindung einer neuen Sprache definiert. Man kann fast sagen, dass kulturelle Entwicklung und Umformung von Ausdrücken und Aussprachen Hand in Hand gehen. Nur zu wiederholen, was andere bereits gesagt haben, ist für niemanden, schon gar nicht für Alterskohorten, ein angesagtes Verhalten. Individualität bedeutet auch Bruch mit dem Vorgegebenen.
So ist es weder ein Wunder, dass meine Kinder ein verändertes Deutsch lernen, noch dass ich nicht auslerne. Das ist eigentlich eine gute Nachricht. Wenngleich die Lektion, mit der ich sie gelernt habe, extrem Nerven zehrend war – für mich und für meine Kinder.