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sh:z vom 08.11.2008


Von Andrea Paluch

Auf offenen Bahnsteigen gibt es seit einiger Zeit eine absurde Einrichtung: kleine Raucherkarrees, gelbe Markierungen, in denen geraucht werden darf. Man kann gegen das Rauchen sein und Verbote in Hallen scheinen mir sinnvoll, vielleicht auch Verbote auf offenen Bahnsteigen, oder auch keine Verbote, wenn man bedenkt, dass meist ein heftiger Westwind weht und die Bahnsteige meistens geräumig genug sind um auszuweichen. Aber mit den Rauchern sozusagen Himmel und Hölle zu spielen, sie in einen gelben Kasten zu stellen, und wenn sie übertreten, haben sie verloren, das erscheint mir irgendwie schräg. Andersherum ist es noch merkwürdiger: Wäre ich Raucherin, ich käme mir wie im Zoo vor, in solch einem gelben Käfig, und mir würde der Rauch buchstäblich im Hals stecken bleiben.
Neulich saß ich auf eben solch einem Bahnsteig einer Frau gegenüber, die plötzlich etwas in ihre Nase rieb. Es sah zuerst aus, als würde sie popeln. Dann sah ich, dass sie ein kleines Silberdöschen auf den Knien hatte. Ich kannte solche Dosen aus alten Heinz-Rühmann-Filmen. Es war Schnupftabak. Auch eine Lösung, dachte ich.
Irgendwann, so um das zwölfte Lebensjahr herum, hatten plötzlich alle Jungs in meiner Klasse Digitaluhren. Das Piepsen im Unterricht nervte die Lehrer. Es waren die Klingeltöne der Achtziger. Mit den Uhren kam eine neue Handbewegung auf. Die Jungs schauten andauernd auf ihr Handgelenk. Diese Bewegung ist heute fast verschwunden. Frage ich jemanden nach der Uhrzeit, zieht er immer öfter sein Handy aus der Hosentasche. Aber diese Bewegung ist ebenfalls nicht neu. Auch sie kenne ich aus alten Filmen. Das Handy ist auf eine Art die Rückkehr der Taschenuhr.
Zurück zum Rauchen: Die Befürworter eines Rauchverbotes sagen, selbst die Iren und Italiener hätten das Rauchen in ihren Pubs und Bars eingestellt. Das ist in der Tat eine erstaunliche kulturelle Veränderung, dachte man doch, schwadenverhangene Decken gehören zu Espresso und Guinness irgendwie dazu. Tun sie offensichtlich nicht. Oder tun es nicht mehr. Oder genauer, es gibt eine neue Form des Guinness und Espresso-Trinkens, wenn nur noch vor der Tür geraucht werden darf.
Insgesamt haben sich der Stil und der Habitus des Tabakkonsums geändert. Meine Schwiegereltern, militante Nichtraucher, hatten früher im Wohnzimmer ein Kästchen mit Gästezigaretten, die sie ihren Freunden anboten, weil es sich so gehörte. Danach zog der Qualm aus dem Wohnzimmer in die Kinderzimmer und ist seitdem Teil der Kindheitserinnerungen meines Mannes. Als unser erster Sohn geboren wurde, das ist jetzt 12 Jahre her, war es noch ein Kampf, die Freunde, die rauchen wollten, vor die Tür zu schicken. Das ist heute so selbstverständlich wie das Amen in der Kirche. Das Amen in der Kirche aber ist nun gar nicht mehr selbstverständlich, weil nämlich nicht mehr sehr viele regelmäßig, also selbstverständlich, in die Kirche gehen. Sitten ändern sich und kommen, so sieht es aus, in anderer Form wieder.
Wie wird es weiter gehen? In noch mal 12 Jahren wird Schnupftabak vielleicht populärer sein als das Rauchen. Damit einhergehen wird das Comeback der Stofftaschentücher. Vielleicht kommt das Monokel zurück. Jedenfalls scheint mir, als würden Kontaktlinsen immer häufiger von schicken Brillen abgelöst – eine Trendumkehr. All diese Sitten und Gebräuche aber haben Auswirkungen auf unser Leben. Handys lösen Uhren als Statussymbole ab und die ständige Erreichbarkeit nimmt unserem Leben Ruhepausen. Und die Raucherzonen sind vielleicht eine Art Gemeinschaftsersatz für die leeren Kirchen.