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sh:z vom 27.10.2007


Von Andrea Paluch

“April is the cruellest month“ beginnt der großartige amerikanische Lyriker T.S. Eliot sein Gedicht “The Waste Land”, die der deutsche Schriftsteller Norbert Hummelt mit „April ist der übelste Monat von allen“ übersetzt.

1922, als Eloit dieses Gedicht veröffentlichte, lebte er in Oxford. Und es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie ausgehungert nach Leben die Inselbewohner im April sind. Blass nach einem langen Winter, ausgemergelt von Kohlsuppe und Bohnen, nach sieben Wochen Schneematsch und Regen werden sie der Sonne und Wärme entgegen fiebern, die Gesichter gegen den Himmel recken, sobald die Wolkendecke auch nur ein bisschen dünner wird. Vielleicht traut sich eine Oxforderin schon mal, einen karierten Mini-Rock anzuziehen, vielleicht rudern die Studenten schon mal ohne Pullover. Allein, das Versprechen auf Licht trügt zu häufig im April. Statt Sonne erneuter Regen, über Nacht frieren die Felder wieder zu knochenharten Mondlandschaften, verzögert die dunkle Jahreszeit ihr Ende. Und Mädchen und Studenten stehen buchstäblich im Regen.

Als ich vorgestern nach Hause fuhr, war es plötzlich dunkel. Kein nasses, feuchtes, dreckiges Dunkel. Das kommt noch, das verspricht der Januar und Februar. Sondern ein mildes, warmes, aber sehr frühes Dunkel. Ich hatte den Übergang vom Sommer zum Herbst noch gar nicht so wahrgenommen. Natürlich war mir klar, dass seit Ende September die Heizung wieder lief und dass die Kinder über Herbstferien sprachen. Aber bewusst wurde mir der Abschied vom Sommer erst, als das Leben, der Einkauf, die Rückfahrt von der Arbeit im Dunkeln stattfand. Das Besondere trägt selten dazu dabei, eine Veränderung zu begreifen. Erst, wenn sich die Normalität verändert, begreift man den Wechsel. Und so schaute ich auf die Rücklichter des Autos vor mir, sah die gelben Lichtpfützen der Laternen auf den Parkplätzen vor den Supermärkten, schaute in Schaufenster, die doppelt so auffällig waren wie im Tageslicht. Jetzt also begann die Zeit der Gesellschaftsspiele am Wochenende, der Hallenturniere der Kinder, der Winterreifen und staubigen Heizungsluft aus den Autolüftungen, der immer kaputten Lampen an den Kinderfahrrädern, der Handschuhe und des Raureifs. Es war kein guter Sommer gewesen. Eigentlich war er eher wie ein April, nass und voller uneingelöster Verspechen. Das aber nun ist der Oktober, nicht grausamster Monat, aber sicher derjenige, der voller Abschiedsschmerz ist. Manchmal lässt man sich noch täuschen und läuft ohne Jacke raus, nur um dann nach einer halben Stunde frierend wieder umzudrehen. Man lässt sich zu einem Strandspaziergang an die Nord- oder Ostseeküste locken und merkt zu spät, dass dies nicht mehr der freundliche Wind ist, der den Sonnenbrand kühlt (oder unbemerkt entstehen lässt), sondern ein hartnäckiger, bissiger Wind aus Osten, der einem unter den Rock fährt, den man leichtsinnigerweise angezogen hat. Dann holt man die dicken Jacken vom Dachboden, riecht ihren Muff, riecht das lange Warten auf den Frühling. Und wenn man sich das erste Mal einen Schal um den Hals bindet oder Handschuhe zum Radfahren anzieht, dann ist das mindestens so traurig wie der Anblick der ersten Schokoladenweihnachtsmänner in den Septemberregalen der Supermärkte. Die Zeit vergeht, das Jahr rast und es rast immer schneller. Der Oktober macht das völlig klar.
Oktober ist der traurigste Monat, finde ich.