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sh:z vom 10.05.2008


Von Andrea Paluch

Neulich unterlag Bayern München im UEFA-Pokal. Männer im meinem Haus, die sich für abgeklärt und erwachsen halten, frohlockten in kindlicher Schadenfreude. Ich kam gerade von einer Lesereise aus Bayern zurück und hatte unvorsichtigerweise ein paar Eindrücke am Abend vorher geschildert. Vom Kruzifix in den Klassenräumen über das Foto des Bundespräsidenten im Lehrerzimmer bis hin zu der fast unterwürfigen Anredeformel des „Herrn Direktor“ für den Schulleiter. (Ich las, dass die „Frau Bundeskanzlerin“ Wert darauf legt, sich nur mit ihrem Namen anreden zu lassen. Norddeutsche Nüchternheit ist eine demokratische Tugend.) Und als raus kam, dass ich promoviert hatte, bauten selbst die Lehrerinnen, mit denen ich mich duzte, einen Doktortitel vor meinen Namen.
Als ich die Männer meiner Familie jetzt fragte, woher die Abneigung gegen Bayern kommt, erhielt ich zur Antwort, dass es nicht um Bayern gehe, sondern um die Ablehnung von Macht und Geld. „Macht und Geld, so so“, dachte ich. „Das werde ich mir merken.“ Das war entweder gelogen oder purer Neid. So negativ ist ihre Haltung zu beidem nämlich nicht. Aber ich musste mir des längeren und breiteren eine halb politische, halb lächerliche Analyse anhören, was uns von Bayern unterscheidet und dass die kulturellen Unterschiede größer seien als die zu Dänemark und überhaupt die Bundesliga besser dran wäre, wenn es Uli Hoeneß nicht geben würde. Ich zählte ein paar kulturelle Unterschiede zu Dänemark auf. Sie waren größer, als die zu Bayern. Sicher, Plattdeutsch und Bayrisch haben nicht viel gemeinsam, aber Hefeweizen und Pils?
Dabei, ich verstand schon, was gemeint war. Aber es war falsch formuliert. Wenn man glaubt, Vorlieben und Nähe über Gemeinsamkeiten begründen zu müssen, dann ist es Leicht, Trennendes zu betonen. Wenn man aber das Trennende akzeptiert und Gemeinsamkeiten nicht stattdessen sondern trotzdem findet, dann hat man die Sicht auf die Welt verändert. Dann ist eine Grenze keine Demarkationslinie mehr, sondern Schnittstelle eines kulturellen Austausches. Dann ist ein Meer nicht ein Hindernis, sondern Weg zum Austausch von Gütern und Geschichten. Eine Seekarte zeigt genau diese Optik. Bei einer Landkarte ist das Meer blaue Fläche zwischen den Ländern, etwas, das überwunden werden soll. Eine Seekarte zeigt das Land als Umriss und das Meer voller Verbindungslinien. Man sieht die bekannte Welt von der Rückseite.
Daraus lässt sich eine ganze Philosophie entwickeln. Man redet nicht miteinander, weil man so viel weiß, sondern weil man so viel wissen will. Man schreibt sich, nicht weil man sich vertraut ist, sondern fremd. Weil man jemanden nicht kennt, freundet man sich mit ihm an. Und man liebt, weil man neugierig auf einen anderen Menschen ist, nicht weil man ihn aus dem Effeff kennt. Kinder sind nicht man selbst als kleiner Mensch, sondern ein neuer Mensch, der das eigene Leben in Frage stellt. Lehrer wissen nicht, was gut für Schüler ist, sondern lassen sich durch deren Fragen inspirieren. Streitereien und Kriege wären entsprechend schwerer zu führen, wenn man akzeptierte, dass das Scheitern die neuerliche Aufgabe beinhaltet, Gespräche zu führen.
„Wenn das so ist“, sagten die Männer in meiner Familie höhnisch, „dann muss Bayern ja verlieren. Denn Niederlagen geben dem Training erst einen Sinn.“
Sie hatten verstanden. Und irgendwie auch wieder nicht.