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sh:z vom 25.09.2010


Von Andrea Paluch

Ich brauche einen Reisepass. Der letzte den ich hatte, das war ein Schöner, Ehrwürdiger, mit grün gezeichnetem Papier. Ein Pass, zu dem das Wort „Personaldokument“ passte. Sehr zum Entsetzen meiner Männer ist rosa heute die hervorstechendste Eigenschaft von Pässen. Ich weiß nicht, ob es für das Rosa irgendeinen sicherheitsrelevanten Grund gibt. Wenn nicht, ist die Frage berechtigt, wer die Farbe von Dokumenten bestimmt. Sitzt da ein ästhetisches Beratergremium der Bundesregierung und schaut sich Farbpaletten an? Oder wird die Farbauswahl über einen Zufallsgenerator getroffen? Irgendwie glaube ich das nicht. Es begann mit dem „neuen“ Führerschein vor 20 Jahren, der in schweinchenrosa so schön war, dass man ihn eigentlich gar nicht haben wollte. Heute ist er vom vielen Tragen im Portemonnaie fast wieder so grau wie sein Vorgänger. Aber sei’s drum, mich hat nicht die Farbe gestört, sondern die Sicherheitsmaßnahmen, mit denen der neue Pass ausgestattet ist. Es fing schon mit diesem biometrischen Foto an, auf dem man mit Absicht doof gucken soll, und es endet mit den Fingerabdrücken. Als ich meinen Zeigefinger auf das Lesegerät legte, fühlte ich mich ertappt und schuldig. Ich weiß um keine Schuld, aber das Gefühl verdächtig zu sein war unmittelbar da. Und ich frage mich, ob das Absicht ist, ob schon die Passausstellung eine abschreckende Wirkung auf Bösewichte aller Art haben soll. Nun, mein reines Gewissen vertrieb den Argwohn schnell wieder - bis ich die Rechnung für den Pass präsentiert bekam. 59 Euro. Da kann man wirklich von einer abschreckenden Wirkung sprechen. Aber klar, all der Sicherheitskram ist teuer. Und der neue Pass kann viel mehr als all die alten. Ob das gut ist oder nicht, ob das weiter hilft oder nicht, will ich hier nicht diskutieren. Aber dieser Vormittag auf dem Amt war einer der seltenen Momente, in denen Wissen auf Wirklichkeit trifft. Ich mein, ich wusste, dass es neue Pässe gibt, ich hatte die Politiker darüber streiten hören – und es ging mich irgendwie nichts an. Erst als ich meine Fingerabdrücke für den Computer hinterlegte, wurde es konkret, kamen die Nachrichten zu mir, dicht und relevant.

Und ich frage mich, wie es den Politikern geht, wenn sie Entscheidungen treffen. Wissen sie, wie sich ein Entschluss in der Wirklichkeit anfühlt? Oder geht es ihnen wie mir, dass man zwar abstrakt einiges weiß, aber überrascht ist, wenn einem das Wissen begegnet. Und eigentlich ist die Frage noch viel radikaler: Kann man überhaupt im Voraus wissen, wie sich Entscheidungen real anfühlen und auswirken? Wenn das nicht so ist, dann beneide ich Politiker nicht. Dann können sie ja immer nur raten und spekulieren, was ihre Entscheidungen wohl auslösen.

Ein kleines Beispiel zum Schluss: Eine Frau hat ihren Namen gewechselt. Ihr Chef ruft sie an. Sie meldet sich mit ihrem alten Namen. Und korrigiert sich. Er stutzt kurz, dann gratuliert er ihr herzlich zur Hochzeit und wünscht ihr alles Gutes. Die Frau schluckt. Sie sagt: „Es ist umgekehrt. Ich hab mich scheiden lassen.“ Der Chef entschuldigt sich – aber das Gespräch ist verkorkst, kommt nicht mehr in Gang und beide legen mit dem Gefühl auf, dass etwas schief gegangen ist. Offensichtlich ist Kombinationsgabe und Theorie nicht immer geeignet, die Wirklichkeit zu erfassen.