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sh:z vom 29.08.2009


Von Andrea Paluch

Der Sommer ist eine Katastrophe. Die Politik ist eine Katastrophe. Das Essen ist eine Katastrophe. Der Klimawandel führt zu einer Katastrophe. Katastrophen all überall. Aber was ist eine Katastrophe?
Das beste Seminar, das ich an der Universität besucht habe, war eines, wo wir zehn Doppelstunden lang über lediglich ein Gedicht von Paul Celan sprachen. Paul Celan gehört zu den schwierigsten Dichtern der deutschen Sprache. Er wie kein anderer hat der deutschen Lyrik den Ruf eingebracht, dass sie dunkel und schwer verständlich ist. Und nicht zu Unrecht. Doch gleichzeitig ist sie so voller Kraft und Intellekt.
Celan war Jude und seine Familie wurde von den Nazis ermordet. Sein ganzes Schreiben, seine Liebesgedichte eingeschlossen, sind der Versuch, angesichts der Erfahrung von Auschwitz überhaupt noch so etwas wie Gedichte schreiben zu können. Als Jude unternahm er die Herkulesaufgabe, die vernichtete jüdische Kultur in deutscher Sprache, der Sprache der Unmenschlichkeit, wieder aufscheinen zu lassen. Zu diesem Zweck kehrt Celan die Logik der Sprache gegen sie selbst. Er zielt nicht auf die klare Aussage, sondern darauf, die Fragilität jeder sprachlichen Äußerung in Erinnerung zu halten. Er will in Erinnerung rufen, dass jede verstandene Äußerung einen gehörigen Anteil Unverstandenes, Mitschwingendes, Gemeintes beinhaltet, das verdrängt oder vergessen wird. Aber dieses verdrängte ist, wie er einmal formulierte, „der Ort des Menschlichen“.

UND KRAFT UND SCHMERZ
und was mich stieß
und trieb und hielt:
Hall-Schalt-
Jahre,
Fichtenrausch, einmal,
dein Typhus, Tanja,
die wildernde Überzeugung,
daß dies anders zu sagen sei als
so.

Celans Gedichte sind sprachliche Figuren, die dem vermeintlich Unwichtigen die größte Bedeutung verleihen. Das scheinbar Unwichtigste der geschriebenen Sprache sind die Satzzeichen. Sie werden nicht mitgesprochen, sie sind da, aber stumm. Vielleicht stumme Zeugen. Das vorrangige Satzzeichen ist bei Celan der Bindestrich. Denn er ist zugleich ein Trennstrich. Er teilt und verbindet und trägt den Widerspruch der Sprache in sich. Häufig endet damit eine Strophe – der Bindestrich weist dann in den Abstand zwischen den Strophen, auf das Weiß der Seite, auf die Leerstelle jenseits der Sprache.

Mittags, bei
Sekundengeflirr,
im Rundgräberschatten, in meinen
gekammerten Schmerz
- mit dir, Herbeigeschwiegene, lebt ich

zwei Tage in Rom
von Ocker und Rot -
kommst du, ich liege schon da,
hell durch die Türen geglitten, waagrecht-:

es werden die Arme sichtbar, die dich umschlingen, nur sie.
Soviel Geheimnis bot ich noch auf, trotz allem.



Diesen Bindestrich-Abstand, den zwischen den Strophen, beschreibt Celan in einem Rückgriff auf die griechische Bedeutung des Wortes als Kata-Strophe. In der Kata-Strophe ereignet sich eine Umkehr, eine Wendung, der Atem stockt, es gibt neue Atemluft. Der Ort der Katastrophe ist der „Ort des Menschlichen“. Und zugleich der Ort Gottes, seines Schweigens, seiner Antworten, es ist der Fluchtpunkt zweier unendlich langer Parallelen, der Ort der theoretischen Mathematik, des Beginns der Evolution, des Todes, des Glaubens. Die Katastrophe der Ökologie, des politischen Systems, der Gesellschaft, sie ist möglicherweise eine Chance. Sie ist der Ort des Menschlichen, wenn wir ihn dazu machen.