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sh:z vom 06.03.2010


Von Andrea Paluch

Okay, also bevor ich Kinder hatte, da pflegte und hegte ich den Vorsatz, dass sie möglichst nicht mit Waffen spielen sollten. Frieden schaffen ohne Waffen – ein gutes pädagogisches Motto, dachte ich. Und als die Zeit für Wasserpistolen kam, kaufte ich anfangs erst Wasserkrokodile und Gummienten, die aus dem Mund schossen. Heute gleicht mein Haus einer Waffenkammer, die Rambo die Freudentränen in die Augen getrieben hätte.

Vielleicht hätte ich nicht schreiben sollen „bevor ich Kinder hatte“, sondern „bevor ich Männer hatte“. Denn noch vor der Geburt unseres ersten Sohnes las mir der zugehörige Mann (der erste in meinem Haushalt) einen Essay von Umberto Eco vor („Brief an meinen dreijährigen Sohn“). Darin heißt es: „Dann bin ich an der Reihe, dann ist die Phase der mütterlichen Erziehung vorbei, dann endet die Zeit der Teddybären, und es kommt der Tag, da ich beginnen werde, mit der sanften und sakrosanten Gewalt meiner patria potestas dein soziales und staatsbürgerliches Bewusstsein zu formen. Und dann, lieber Stefano….Dann schenke ich Dir Gewehre. Doppelläufige. Mit Repetiermechanik, Schnellfeuer- und Maschinengewehre. Kanonen. Bazookas. Säbel. Kriegsstarke Heere von Bleisoldaten….“ Das geht so noch zwei Seiten weiter. All das, so Eco, macht er, um seinem Sohn beizubringen, stets Robin Hood zu sein, nicht der Sheriff von Nottingham, für die Unterdrückten zu kämpfen, für die Indianer, nicht die Cowboys. Die KZ-Aufseher der Nazis, die haben sich in ihrer Kindheit über „die bunte Schachtel mit der Aufschrift ‚Der kleine Chemiker‘ hergemacht“. „Oh, fürchte die kleinen Jungs, die Kräne basteln“, schreibt er. „Ihr könnt sie schon heute identifizieren. Die großen Bauspekulanten, Spezialisten für Räumungsklagen mitten im Winter, die ihre Persönlichkeit beim Monopoly ausgeprägt haben. Was wird aus den Kindern, denen der industrielle Weihnachtsmann amerikanische Puppen beschert?“

Ich glaube, so viel und so lang habe ich noch nie in einer Kolumne zitiert. Und ich weiß gar nicht, ob das legal ist (angesichts der aufgeregten Debatte über das Plagiieren von Schriftstellerinnen…) Aber es ist ein großartiger Aufsatz! Und eigentlich brauche ich aus seiner Mitte für diese Kolumne nur den Satz mit dem Monopoly. Denn in der Tat ist das ein Spiel, das alle politischen Inkorrektheiten bedient: Raffgier und Spekulantentum. Und so hat vielleicht jedes Spiel seine gesellschaftliche Wirkung. Gesellschaftsspiele sind Gesellschaftsspiele in doppelter Hinsicht. Kniffel zum Beispiel ist die Einstiegsdroge ins Glücksspiel. Noch zwar domestiziert durch Regeln und Zahlenreihen, aber dahinter lauert schon der Sportwetteneinsatz. „Die Siedler“ mit all ihren vielen Folgen – im Moment das angesehenste Spiel bei uns – zeigt, wie man Ordnung baut – nämlich durch langfristiges Denken. Investitionen in Häfen zahlen sich mehr aus als das Hamstern von Rohstoffen….

„Mensch ärger dich nicht“ dagegen ist in all seiner Fiesheit die Waffe des kleinen Mannes (Kindes, der kleinen Frau), es dem Vater, Mann oder Vorgesetzen mal so richtig zu zeigen. All den Drangsalierungen des Alltags begegnet man mit einem Rauswurf kurz vor Einzug ins sichere Haus. Dass das den Druck von Aufbegehren und Revolutionen in der Wirklichkeit nimmt, ist naheliegend. Vor 100 Jahren wurde das Spiel erfunden – mitten im autoritären Kaiserreich: Kein Zufall. Es ist eine Einübung in Staatsbürgertum. Allerdings in ein anderes Staatsbürgertum als das von Eco. Es ist ein obrigkeitsgläubiges. Dann schon lieber doppelläufige Gewehre. Oder, wie Eco sagt: „Vielleicht hast du eine kritische Haltung gewonnen und gelernt, dich kritisch in der Wirklichkeit zu bewegen.“