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sh:z vom 29.05.2010


Von Andrea Paluch

Nun lebe ich seit einem guten halben Jahr mit einem Mann zusammen, der Politiker ist. Jedenfalls habe ich ihm gesagt, er solle aufhören sich zu zieren, wenn ihn jemand als solcher anspricht. Immer dann nämlich druckste er herum, war es ihm irgendwie peinlich (ich verstehe auch, warum), murmelte er etwas von „bürgerlichem Engagement“ und „nichts besonderes dabei“. Papperlapapp, hab ich gesagt, du triffst politische Entscheidungen und meine Bücher muss ich jetzt alleine schreiben. Also bist du ein Politiker. Grummelnd zog er ab. Aber drei Tage später hatte er es kapiert. Den Beweis bekam ich schriftlich. Eine Einladung zu einem Empfang, einem politischen versteht sich. „Wäre cool, wenn du mitkämst“, sagte er. „Was soll daran cool sein?“, fragte ich. Grummelgrummel seinerseits. Aber nachdem ich ihm das nun eingeredet habe mit dem Sich-zu-seinem-Beruf-bekennen, konnte ich ihn jetzt nicht hängen lassen. Sechs Jahre lang hat er mich mit solchen Einladungen verschont. Aber sechs Jahre lang hab ich ihn auch nicht aufgefordert, sich Politiker zu nennen. Kleiner Einschub: Ist Politik eigentlich ein Beruf? Einerseits, klar. Leute bekommen Geld dafür und verbringen ihre Zeit damit. Wenn ich an den mir am besten bekannten Politiker denke, der, während ich das schreibe, am Schreibtisch neben mir eine Rede in die Tasten drischt, es ist 23 Uhr durch, viel zu viel Zeit, 80 Stundenwochen würde ich schätzen. Politiker treffen Entscheidungen und übernehmen Verantwortung – mehr als andere. Andererseits – kann man Politiker „lernen“? Gibt es eine Berufsausbildung? Irgendwie nicht, beziehungsweise nur in der Politik. Da gibt es keine Schule, sondern nur Training „on the job“, wie man Neuhochdeutsch sagt. Aber das erklärt höchstens, wieso es kaum Seiteneinsteiger gibt, spricht jedoch nicht gegen Politik als Beruf. Es ist ganz klar einer. Sonst hätte mein Mann ja Recht und nicht ich und das hier ist immerhin meine Kolumne. Meine Kolumne – sein Empfang. „Klar, ich bin dabei….“, sagte ich. „Wir müssen uns was Schickes anziehen“, sagte er. „Okay“, ich. „Nein, so richtig. Nicht Stiefel und zerrissene Jeans. Abendgarderobe.“ „Wissen die überhaupt, wie teuer die zerrissenen Jeans waren?“, fragte ich. Abendgarderobe hatten wir beide nicht. Und meine Lust, eine anzuschaffen, beendete die Bereitschaft, zu diesem Empfang zu gehen, schlagartig. So blieb die Entscheidung ein paar Tage in der Schwebe, bis wir die Eltern des Politikers an meiner Seite besuchten und schwupp zauberte meine Schwiegermutter ihr Abendkleid hervor – 40 Jahre alt. Und wie die Mode so spielt, jetzt war es wieder cool. So richtig. Ich sah aus, sagte mein Politikermann, wie Frieda von Abba (dabei würde ich, wenn schon, lieber aussehen wie Agnetha). „Jetzt fehlt nur noch mir ein Smoking“, sagte mein Mann. Und schwups steckte er in dem Smoking seines Vaters. Er fasste in die Innentasche und zog die Karte seines Abi-Balls hervor. Seitdem hing das Ding im Schrank. Er guckte versonnen und überlegte wohl, mit wem er damals getanzt hatte und wer vielleicht in ihn verliebt gewesen war. Aber auch das ging vorbei. Und so gab es kein zurück mehr und ich fuhr zu meinem ersten politischen Empfang. Er führte mich herum. Alle waren da, die ich aus den Zeitungen und dem Fernsehen kenne. Und zu allen gingen wir oder sie kamen zu uns. Ich stand zum ersten Mal neben dem Politiker. Und sah, dass er einer war. Er konnte es gut, dieses smalltalken. Wer will mal mit wem regieren? Wer nie mit wem? Aber diesmal stockte das Gespräch schnell - Regierung hin, Regierung her. „Ist das Ihre Frau?“ Und dann fiel der meistgesprochene Satz des Abends: „Ich lese immer ihre Kolumne“. Da verstand ich, warum Politiker eitel werden.